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„Das Thema Finanzen hat immer noch den Ruf sehr sperrig zu sein“

Renate, warum ist Finanzbildung für Menschen wichtig? Und warum speziell für Frauen?
Die Zeiten, wo es „nur“ Sparbücher und Kapitallebensversicherungen gab, sind vorbei. Viele Produkte, Anbieter und Informationen existieren. In dieser unübersichtlichen Welt hilft es, sich etwas auszukennen und Interessen einschätzen zu können. Auch wer nicht selbst investiert, sondern eine Beratung oder Vermögensverwaltung nutzt, muss viele Fragen rund um Geld beantworten; da ist eigene Verantwortung gefragt. Frauen betrifft dies in besonderer Weise, da sie oft die schlechtere Beratung erhalten und wegen der Arbeits- und Lebenswelt besonders ihre Finanzen optimieren sollten.

Wie ist es in der Praxis um die finanzielle Bildung von Frauen bestellt? Du sprichst ja aus Erfahrung, denn Du warst lange Jahre Anlageberaterin!
Frauen scheinen sich – wenn überhaupt – erst relativ spät für Finanzen zu interessieren und eher dann, wenn es einen konkreten Grund gibt. Allerdings geben sie Nicht-Wissen eher zu und tun etwas dagegen, während Männer sich leichter durch tolle Renditeaussichten locken lassen. Vor allem sollte das Thema entzaubert werden. Der Durchblick bei einigen Basisregeln hilft im Finanzbereich schon sehr viel!

Konntest Du beobachten, dass Berater*innen es eher wenig schätzen, wenn ihre Kund*innen über Finanz-Themen gut informiert sind? Beispielsweise auch über Provisionen, und dass diese durchaus verhandelbar sind?
Generell ist mein Eindruck, dass „dümmere Kund*innen“ immer noch beliebter sind. So lassen sich Produkte halt immer noch leichter verkaufen. Und das, obwohl die Beratung heute an Berater*innen und Kund*innen relativ hohe Anforderungen stellt!

Du sagst, es liegt ein Mehrwert für Berater*innen darin, wenn die Kund*innen schlauer sind. Worin liegt der Vorteil?
Ich finde – und habe das auch in meinem Beraterinnen-Leben so erfahren – dass Kund*innen besser mit Kursrückschlägen umgehen können, wenn sie die Rolle des Anlageproduktes, die Funktion und die Historie verstehen. Damit haben beide Seiten viel weniger Stress in schwierigen Zeiten. Außerdem investieren Kund*innen eher, wenn die Produkte verständlich und ehrlich erklärt werden.

Wenn die Kund*innen gut informiert sind und wissen, dass ein breit gestreutes Fonds-Portfolio im Grunde kein Hexenwerk ist, besteht dann nicht die Gefahr, dass sie sich selbst ein Fonds-Portfolio zusammenstellen, ohne Beratung?
Meine Erfahrung aus individuellen Finanzcoachings ist, dass ein besserer Durchblick seitens der Kundin mehr Sicherheit bringt und ihr Mut macht, eine Anlagestruktur einzugehen, beispielsweise auch Aktienfonds zu „wagen“. Andererseits führt mehr Wissen erstaunlicherweise dazu, dass eher eine Beratung gesucht wird. Der Grund: Eine gute, den persönlichen Zielen angepasste Anlage ist mehr, als zwei oder drei ETFs zu kaufen.

Du sprichst von „Finanzberatung auf Augenhöhe“. Wie kann ich mir das vorstellen?
Kund*innen sollten unabhängig informiert sein und die Möglichkeiten der einzelnen Finanzprodukte, aber auch deren Kosten und Chancen kennen. Nur wenn ich etwas einschätzen kann, kann ich wirklich entscheiden. Damit erliege ich auch nicht so schnell besonders „cleveren“ Verkaufsargumenten.

Ärzte mögen es im Allgemeinen nicht, wenn ihre Patienten „Dr. Google“ befragen, weil die Gefahr besteht, dass gefährliches Halbwissen aufgenommen wird. Besteht diese Gefahr auch bei Finanz-Themen?
Man muss bedenken, dass Patient*innen heute auch in medizinischen Fragen immer mehr gefordert sind, selbst zu entscheiden. Das hohe, fast blinde Vertrauen, das wir früher in unseren Hausarzt „aus Berufung“ hatten und haben durften, steht sehr in Frage. Auch Ärzte stellen heute verschiedene Möglichkeiten dar und „schieben“ dem Patienten die Entscheidung zu. Denken Sie an die vielen Unterschriften, die bei Untersuchungen und Operationen zu leisten sind! Bei diesem noch bedeutsameren Thema halte ich das für ein Unding! Insofern sehe ich einen Arzt, der nicht mit einem fragenden Patienten umgehen kann, genauso kritisch wie einen Berater, der ohne nachzufragen lieber eine Patentlösung anbietet.

Wo und wie sollten sich Menschen über Finanzthemen informieren?
Umfassend, aber auch vor allem bei unabhängigen Fachleuten. Dabei geht Finanzbildung, wie ich sie verstehe, über reine Information hinaus: Neben den reinen Fakten helfen praktische Übungen dabei, sich vorzustellen, oder spielerisch die Erfahrung zu machen, was Geldanlage bedeutet.

Du bietest selbst Finanz-Seminare an. Für welche Themen interessieren sich Frauen besonders?
Für Rendite und Nachhaltigkeit. Im Übrigen zwei Bereiche, die sich wunderbar ergänzen. Gerade die finanzielle Situation von Frauen braucht einen vernünftigen Ertrag. Diesen mit einem guten Gewissen zu erzielen gefällt Frauen besonders – übrigens auch schon vor der Friday-Bewegung!

Ein Finanzseminar zu besuchen klingt für viele nicht prickelnd, schon gar nicht, wenn man dafür ein Wochenende opfern soll. Was gibt den Ausschlag, dass die Frauen Deine Seminare buchen?
Meist tatsächlich der Entscheidungsdruck. Das Thema Finanzen ist noch nicht so präsent und hat den Ruf sehr sperrig zu sein. Da muss schon eine konkrete Frage „oben auf liegen“: Endlich die Altersvorsorge planen, in diesen Zeiten die eigene Geldanlage überprüfen oder einen größeren Betrag anlegen. Daher spreche ich auch verstärkt Beratungskollegen an, für die es ein Mehrwert sein kann, ihren Kund*innen Seminare anzubieten. Außerdem eignet es sich als Bildungsurlaub. Wenn die Mitarbeiterinnen Verständnis für die Finanzwelt und Wirtschaftsfragen erhalten, kommt das auch Unternehmen zugute.

Und Frauen sprechen über Geld? Sehr spannend! Was sind die größten Aha-Erkenntnisse, wenn Frauen Deine Finanz-Seminare besuchen?
…dass Geldanlage keine Raketenwissenschaft ist und sogar Spaß machen kann!

Vielen Dank für das Interview, Renate!_______________________________________________________

Renate Kewenig ist Gründerin des Unternehmens „Finanzverstand“, das Seminare, Coaching, Unternehmensberatung und Fachjournalismus anbietet.
www.finanz-verstand.de

Weitere Interviews mit ihr finden sich hier:

Von der Beraterin zum Coach – ein Perspektivwechsel

Interview: “Frauen können viel mehr als Kosmetik und Mode!”

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