Dr. Milena Brütting ist eine der relativ wenigen weiblichen Managerinnen in deutschen Groß-Unternehmen. Sie ist Head of Corporate Accounting, Tax, Insurance bei der Deutsche Bahn AG. Das privatrechtlich organisierte Staatsunternehmen hat einen 7-köpfigen Vorstand, darunter zwei Frauen, was eine bemerkenswerte Quote von 28,5% ergibt. Zum Vergleich: Die Allbright-Stiftung schreibt, dass der Frauenanteil unter den DAX-30-Vorständen am 1. März 2021 bei 16,6% liegt. Auch vor ihrem Engagement bei der Deutschen Bahn AG war Brütting bei einem Unternehmen beschäftigt, in dem man tendenziell mit weniger Frauen rechnet: Bei ThyssenKrupp Industrial Solutions AG. Im Interview mit den Fondsfrauen erklärt Dr. Milena Brütting ihre Sicht auf den Arbeitsalltag von Frauen und was Unternehmen tun können, um Frauen bei der Karriere zu unterstützen.

Frau Brütting, wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Genauso wie bei den meisten Eltern, die in Vollzeit arbeiten: Eine Mischung aus Meetings, Austausch mit Kolleg*innen, Home Schooling und Haushalt – ja, diese Tätigkeiten zählen für mich auch dazu. Unsere Arbeitsaufteilung ist zwar durch die Corona-Pandemie flexibler geworden, aber berufstätige Eltern hatten das alles auch schon vorher.

Arbeiten Sie in diesen Tagen vom Homeoffice und haben überwiegend virtuelle Meetings?
Ich arbeite überwiegend vom Homeoffice und bin 1 bis 2 Mal pro Woche im Büro, wenn meine Anwesenheit notwendig ist.

Sie sind eine weibliche Führungskraft. Haben Sie das Gefühl, dass es für Ihre männlichen und weiblichen Mitarbeiter einen Unterschied macht, eine Frau als Chefin zu haben?
Ich glaube, es macht vor allem einen Unterschied, wie der oder die Vorgesetzte mit seinem / ihrem Team zusammenarbeitet. Bei uns gibt es kein Highlander-Prinzip; Die Strategie des Bereichs wird gemeinsam vom gesamten Führungskreis beschlossen und mit allen Mitarbeiter*innen besprochen, die selbst ihre Ideen reinbringen. Wir setzen auf Transparenz und Flexibilität und hören unseren Mitarbeitenden zu.

Die Deutsche Bahn AG hat zwei Frauen in ihrem sieben-köpfigen Vorstand und liegt damit ziemlich gut mit dem Frauen-Anteil in der obersten Führungsebene. War das für Sie ein Grund, der Sie bestärkt hat, zur Deutschen Bahn zu gehen?
Als ich zur Deutschen Bahn kam, hatte gerade Frau Jeschke das Vorstandsressort Digitalisierung & Technik übernommen und es war unglaublich inspirierend, ihren ersten Vortrag kurz nach meinem Start zu hören. Die Deutsche Bahn bietet aber noch viel mehr, das aus meiner Sicht für Frauen, die Karriere machen wollen, wichtig ist: Flexibilität bei den Arbeitsbedingungen ist in vielen Bereichen des Konzerns möglich, spannende Unterstützungsprogramme und Netzwerke (z.B. Mentoring) und eine Unternehmenskultur der Vielfalt und Gleichberechtigung.

Was raten Sie Frauen, die Karriere machen wollen: Nach welchen Kriterien sollten sie ihre Arbeitgeber auswählen?
Die Einstellung des Arbeitgebers, also die Unternehmenskultur, ist am Wichtigsten: wird Büroanwesenheit als obligatorisch gesehen, oder kann ich meine Arbeitszeit mitgestalten? Sind Frauen sichtbar, werden Fachgespräche gleichberechtigt geführt? Viele Frauen in Führungspositionen können mindestens eine „Sind-Sie-hier-um-den-Kaffee-zu-bringen“-Geschichte erzählen, das ist nicht tragbar. Es ist natürlich wichtig, wie das Unternehmen insgesamt mit der Familienunterstützung umgeht, und zwar nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern. Jenseits des hoffentlich flexiblen Rahmens würde ich immer darauf schauen, ob das Unternehmen gute Mentor*innen hat, die fähige Kolleginnen immer wieder ins Gespräch bringen.

Wie wichtig ist Netzwerken für Sie, und wie netzwerken Sie jetzt zu Corona-Zeiten?
Wir leben in einer Welt, in der Zusammenarbeit immer wichtiger wird. Ein Unternehmen – und damit die eigene Karriere – lebt davon, wie wir uns alle miteinander vernetzen. Ich leite einen Bereich von über 900 Mitarbeitenden, die zum Teil sehr unterschiedliche Tätigkeiten ausüben. Und wir selbst sind Teil einer viel größeren Community, die gemeinsam das bilanzielle, buchhalterische, steuerliche und versicherungstechnische Gerüst des Konzerns verantwortet. Und dieses Gerüst reflektiert das operative Geschäft. Wenn wir also nicht weit über unseren Bereich netzwerken würden, wären wir unglaublich ineffizient.

Noch viel wichtiger ist der persönliche Aspekt: Netzwerken ist eine Bereicherung für unseren Intellekt, die Seele und das Herz. Wir leben nicht auf einer einsamen Insel: Die Erfahrungen anderer Menschen kennenzulernen und unsere Sichtweisen auszutauschen macht uns weltoffener und toleranter.

Digitales Netzwerken ist nach meiner persönlichen Erfahrung sehr gut möglich – was sich aber schwierig gestaltet, ist das Kennenlernen von neuen Kolleg*innen in größeren Runden. Es funktioniert dann am besten, wenn es Multiplikatoren gibt, die neue Bekanntschaften fördern. Oder aber auch in einem kleineren „Sundowner“ über Gott und die Welt reden – das ist auch klasse.

Sie sind Aufsichtsratsvorsitzende der Deutsche Verkehrs-Assekuranz-Vermittlungs-GmbH (DVA). Welche Erfahrungen aus Ihrer Aufsichtsrats-Tätigkeit nehmen Sie mit in Ihre Haupt-Tätigkeit bei der Bahn?
Die Fähigkeit, kritische Fragen zu stellen und das Unternehmen als eine komplexe wechselwirkende Organisation zu verstehen hilft mir im Alltag sehr. Hinzu kommt der Austausch mit meinen Aufsichtsratskollegen, die beide Bahn-extern sind – eine externe Sichtweise führt manchmal zu überraschenden Erkenntnissen in scheinbar bereichsfremden Gebieten.

Welche Tipps haben Sie für unsere Leserinnen, die eine Corporate-Karriere machen wollen?
Den Spaß am Job behalten, auch wenn es mal anstrengend wird, sichtbar bleiben (Stichwort: Mentoring) und das eigene Kenntnis- und Erfahrungsportfolio breit aufstellen: Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen, internationale Erfahrungen helfen sehr. Und vor allem, entspannt bleiben – keiner ist perfekt und wir müssen es auch nicht sein.

Vielen Dank für das entspannte Interview!

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