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„Wir wollen fraulich sein, aber nicht niedlich!“

Constanze v. Rheinbaben ist Kommunikationsexpertin, Sprecherin, Unternehmerin. Als diplomierte Volkswirtin hängte sie noch einen Master in Musik-Psychotherapie an der New York University an. Sie kennt sowohl die Finanzbranche als auch die Industrie, daneben hat sie Bühnen-Erfahrung als klassische Sängerin. Nach ihrem Studium arbeite sie in verschiedenen Stationen als Fixed-Income-Analystin, um dann bei E.ON zu arbeiten, zuletzt als Vice President Interne und Kunden-Kommunikation. Im Juli 2013 wagte sie dann den Schritt in die Selbständigkeit und gründete ihr Unternehmen Rich Impact Speaking™ in Düsseldorf. Dort bietet sie Sprech- und Moderations-Trainings für Führungskräfte. Fondsfrau Anke Dembowski unterhält sich mit ihr darüber, mit welchen Fragestellungen Menschen zu einer Sprechtrainerin gehen, und über die Selbständigkeit als Frau. In einem weiteren Interview gibt Constanze v. Rheinbaben wertvolle Tipps, wie Sie sich mit Ihrer Stimme und Ihrer Körperhaltung gut darstellen und wie Sie am besten mit Lampenfieber umgehen. Dies wird später an dieser Stelle veröffentlicht.

Frau von Rheinbaben, Sie haben ein Unternehmen „Rich Impact Speaking“. Erklären Sie in 1 bis 2 Sätzen, was Sie hier anbieten?
Ich biete Unterstützung für Menschen in der Wirtschaft an, damit sie ihre Vorträge und Aufträge, bei denen sie verbale Kommunikation anwenden, gut rüberbringen. Ich unterstütze meine Klienten dabei, ihre Botschaften gut zu übermitteln und insgesamt einen positiven Eindruck beim Zuhörer zu hinterlassen.

Wie kann man sich so ein Training vorstellen?
Das ist unter anderem mit Körperarbeit verbunden, denn die Stimme ist das unmittelbarste Instrument der verbalen Kommunikation, sie steht quasi immer bereit, und ist im Körper verankert. Als kleine Kinder haben wir beim Sprechen unbewusst tief in den Bauch eingeatmet, aber im Laufe der Erziehung und des Lebens gehen die meisten von uns dazu über, kürzer und flacher zu atmen. Dadurch wird unsere Stimme schwächer, denn der Atem trägt die Stimme. Aus diesem Grund fängt meine Arbeit meistens mit der Atmung an, mit dem Bewusstsein fürs Atmen… gibt es da Verspannungen oder Anspannungen, die verhindern, dass der Atem richtig fließen kann?

Stimme und Sprache… warum sind diese beiden überhaupt so wichtig, dass Sie dafür spezielle Trainings anbieten?
Mit unserer Stimme arbeiten wir tagtäglich immer dann, wenn wir mündlich in Kommunikation treten – egal ob am Telefon, bei Vorträgen oder im Gespräch mit Kollegen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass entspannte Stimmen als erfolgreicher und kompetenter rüberkommen als angestrengte Stimmen. Mit unserer Stimme können wir einen großen Teil unseres Charismas ausdrücken. Eine sichere Stimme kann Wärme und Empathie ausdrücken, aber auch Macht und Präsenz. Dabei hat unsere Stimme einen bestimmten Ton und eine Vibration. Beides verbleibt in den Köpfen, die uns auditiv aufnehmen – Stimme prägt sich also ein.

Wenn man Ihren Lebenslauf ansieht, muss man einfach staunen. Sie sind Deutsch-Libanesin, wurden in Mexico geboren und sind dort aufgewachsen. Sie haben dann in Deutschland Volkswirtschaft und in den USA Musik und Psychotherapie studiert. Daneben sind Sie klassische Sängerin, haben mit 17 Jahren Ihr erstes Solo in der Kathedrale in Mexico Stadt singen dürfen. Wie bringen Sie all diese Fähigkeiten und Talente in Ihrem jetzigen Business ein?
Mit meinem Bunte-Vogel-Dasein hatte ich in den Unternehmen immer einen schwierigen Stand. Große Unternehmen kommen mit standardisierten CVs besser klar, und so etwas habe ich nicht geboten. Daher habe ich überlegt: Was kann ich machen, damit ich meine Talente und all das, was ich in meinem Leben gelernt habe, in meine Tätigkeit einbringen kann? Mit 52 Jahren kann ich das nun endlich tun, und es macht mir unglaublich viel Spaß. Ich bin jemand, der sehr gern auf der Bühne steht. Daher singe ich immer noch auf der Bühne, als Barocksängerin. Als Volkswirtin bin ich aber auch gern analytisch tätig, volkswirtschaftliche Modelle mochte ich immer sehr! Bei meiner beruflichen Tätigkeit habe ich gemerkt, dass sich viele meiner Kollegen hohe fachliche Kompetenzen angeeignet haben, aber die Kompetenz, das gut rüberzubringen, bleibt oft hintendran und dabei geht wertvoller Inhalt verloren. Untersuchungen zeigen, dass 80% der Menschen panische Angst davor haben, öffentlich aufzutreten; das ist ein sehr hoher Anteil!

Viele Frauen wagen so um die 50 den Schritt in die Selbständigkeit. Das tut keine grundlos. Haben Sie sich vielleicht auch deshalb selbständig gemacht, weil Sie als weibliche Angestellte nicht die Wertschätzung erhalten haben, die Sie als Selbständige jetzt erfahren dürfen? Oder ist es ein großes Freiheits-Bedürfnis, das in der Matrix-Struktur eines Groß-Unternehmens nicht erfüllt wird?
Beides! Ein paar Stufen bin ich im Laufe der Jahre gestiegen, und mir hat vor allem die Menschenführung und -entwicklung Spaß gemacht. Das sehe ich als eine der Hauptaufgaben von Führung. In größeren Unternehmen steht es aber oft nicht ganz vorne dran. Andererseits hatte ich ja bereits erwähnt, dass ich ein recht eklektischer Mensch bin, und auch der Meinung, dass diese Art von Vielfalt des Geistes und Interdisziplinarität wichtig ist. Indem ich nun mein eigenes Unternehmen gegründet habe, kann ich diese Prinzipien anwenden.

Wie genau arbeiten Sie mit Ihren Kundinnen und Kunden?
Wir starten mit Atemübungen. Dabei kommt mir zugute, dass ich auch als Yoga-Lehrerin ausgebildet bin und Bühnen-Erfahrung als Sängerin habe. Als Sängerin übt man ja sehr die Artikulation beim Gesang, insbesondere wie man die Vokale klar singt, aber auch Dinge wie den passenden Gesichtsausdruck, eine stimmige Gestik, und die Offenheit des Körpers. Sehr wichtig auf der Bühne, aber auch bei Vorträgen und sonstigen Gesprächen, ist eine gute Körperhaltung, in der der Resonanzraum für die Stimme maximiert werden kann.

Aus welchem Bereich kommt Ihre Kundschaft?
Sie kommt hauptsächlich aus der Wirtschaft und der Industrie. Da ich lange Zeit selbst in der Industrie gearbeitet habe, kenne ich die Situation der Menschen dort, und auch deren spezielle Sprache und Schwierigkeiten. Das gibt mir einen Vorteil gegenüber den Kollegen, die eine Sprach- und Gesangsausbildung gemacht, aber nicht selbst in der Industrie gearbeitet haben.

In der Industrie wird aber doch viel mit Mails und digitalen Medien gearbeitet. Ist dann Stimme überhaupt wichtig?
Dadurch, dass wir so vieles in eine indirektere Kommunikation verlagern—durch Medien, neue Medien als Mittel (=Medium)—geht ein Großteil vom persönlichen Zusammentreten verloren. Aber dadurch entsteht auch eine gewisse Einzigartigkeit, wenn wir es doch tun. Gerade bei den jüngeren Mitarbeitern habe ich oft gehört: „Ich habe eine E-Mail geschickt und warte länger schon auf Antwort.“ Auf die Frage hin, ob sie vielleicht auch zur Person hätten hingehen könnten, schauen sie oft verdutzt.  Aber selbst das Telefonat, in dem die Stimme gehört wird, ist schon ein viel näheres In-Verbindung-Treten als nur die Mail und erleichtert oft die Lösung von vertrackten Situationen. Über die Stimme lässt sich mehr Emotion ausdrücken, auch Ironie oder Witz. Man kann auch viel schneller reagieren, nämlich genau im Augenblick des Sprechens. Am Telefon kann man sogar hören, ob jemand lächelt. Wenn wir einen Menschen in Persona treffen, sieht man noch viel mehr, was in dem Menschen passiert. Wie er den Augenblick, in dem man sich austauscht, interpretiert, wie er unser Gesagtes erwidert. All diese Dinge gehen bei der Nutzung digitaler Medien verloren. Die Einzigartigkeit eines persönlichen Gesprächs kann ein Unterscheidungsmerkmal für eine Person sein und für sie einen Wettbewerbsvorteil bedeuten.

Was sind die häufigsten Fragestellungen, mit denen Führungskräfte an Sie herantreten?
Oft geht es darum, dass die nächste Stufe der Karriere-Entwicklung ansteht, und dabei kommt es zur Präsentation von Zukunftsplänen. Meine Klienten wollen sich darauf vorbereiten. Ich helfe ihnen mit dem Aufbau der Geschichte und wir üben dann. Dabei fällt dann auf, dass viele zu schnell sprechen oder nuscheln, und halten dann vielleicht auch noch die Hände vor den Mund. Sie drücken sich auch oft nicht klar aus und benutzen Füllwörter. Das führt dazu, dass Aussagen, die kraftvoll wirken sollen, an Kraft verlieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Einer meiner Kunden wollte sich beispielsweise intern bewerben und auf das Assessment-Center vorbereiten. Dabei sollte er erklären, wie er die Abteilung in Zukunft voranbringen wollte. Er gab zu bedenken, dass auch sein jetziger Chef dabei sein würde, und es als Kritik auffassen könnte, wenn er etwas anderes vorschlagen würde als bisher gemacht wurde. Beim Üben haben wir gemerkt: Er hat sehr häufig das Wort „sozusagen“ benutzt. Es war eine Art Krücke, um eine gute Aussage nicht so richtig zu treffen. Seine Stimme war brüchig, beim Reden die Hände vor den Mund gehalten und mit seiner Körperhaltung hatte er sich ganz klein gemacht. Wir haben dann zunächst an seiner Haltung gearbeitet, die innere Haltung der Aussagen und die Körperhaltung, dann an einer langsameren und klareren Sprache, und an guten Pausen.

Pausen?
Ja, Pausen führen dazu, dass eine Dramaturgie des Gesagten entstehen kann. Dadurch kamen seine positiven Aussagen auch positiv und kraftvoll rüber. An den Aussagen selbst haben wir gar nichts geändert, aber wir haben sie so getroffen, dass sie stehen können, ohne dass sein Chef das Gesicht verlieren würde.

Und, hat es geklappt?
Ja, dieser Klient hat das Assessment-Center mit Erfolg bestanden. Übrigens: Wenn man erst einmal darauf achtet, merkt vermutlich jeder auch bei sich Füllwörter, die er häufig einsetzt.

Stellen ihre weiblichen Kunden andere Fragen als die männlichen?
Ja, durchaus! Frauen sind dafür bekannt, dass sie mehr Emotionen in das hinein bringen was sie sagen. Das ist in Ordnung; Frauen sollten in ihrer Stärke Frauen bleiben. Viele Frauen wollen es aber unbedingt vermeiden, ihre Emotionen zu zeigen und setzen daher ein übertriebenes Lächeln auf. Ich habe das mal mit einer Klientin, die sich auf eine Bewerbung vorbereitet hat, geübt. Wir haben das gesamte Gespräch trainiert, auch wie sie den Raum betritt, wie sie ihrem Gesprächspartner die Hand drückt, dass das kraftvoll ist. Am Anfang unseres Übens hat sie bei der Begrüßung gelächelt, den Kopf leicht geneigt, und mit einer dünnen Stimme gesagt: „Vielen Dank für die liebe Einladung!“ Nein! Das soll heißen „Vielen Dank für Ihre Einladung!“ Frauen wollen oft vermeiden, zu hart zu wirken, was in Ordnung ist. Aber wir müssen schauen, dass wir trotzdem professionell und sachlich rüberkommen, wenn es um professionelle und sachliche Dinge geht. Wir können deswegen trotzdem lange Haare tragen oder ein Kleid, aber wir müssen nicht niedlich sein. Ich übe mit Frauen, diese Dinge gut auszubalancieren.

Vielen Dank für das Gespräch!
Foto oben: Emil Zander

Foto von Maximilian Probst: Constanze v. Rheinbaben beim Tag der ZEIT

Kontakt: http://richimpactspeaking.com/