Flüchtlingshilfe Ukraine von Fondsfrauen
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Anja Nieberding vertritt seit Juni 2019 als Country Head Germany den Asset Manager NN Investment Partners. Dieser gehört zum niederländischen Versicherer NN Group, der zu den fünf größten Unternehmen der Niederlande zählt. Zuvor war sie bei Vontobel Asset Management und bei Goldman Sachs tätig. Jetzt hat sie als Country Head Germany von ihrem Büro am Westhafenplatz 1 in Frankfurt einen schönen Blick auf die Skyline der Main-Metropole und auf die EZB.

Frau Nieberding, wenn man Ihren CV liest, fällt sofort ins Auge, dass Sie diplomierte Mathematikerin sind. Das ist ein ungewöhnliches Studienfach für Frauen – zumindest in Deutschland. Können Sie sich erklären, woran das liegt?
Bevor ich mit dem Mathematik-Studium begonnen habe, war ich zwei Jahre lang als Trainee bei Deutsche Morgen Grenfell in London. Dort habe ich auch im Quant-Team gearbeitet, der Bereich Equity Derivate hat mir besonders viel Spaß gemacht. In dem internationalen Team in London waren einige Mathematiker. Irgendwie waren die Kollegen dort für mich spannende Vorbilder, und Mathematik hat mich schon immer interessiert. Daraufhin habe ich dann Mathematik studiert. Ich wollte tiefer in die Produkte reinschauen, und ein Fach studieren, das mich später wieder in die Finanzwelt zurück bringen kann.

Wie hoch war bei Ihnen im Studium der Frauen-Anteil – ungefähr?
Ich habe an der TU in München studiert, dort waren wir etwa 30% Frauen. Die TUM bietet speziell Finanz- und Wirtschaftsmathematik an. Viele meiner Kommilitoninnen sind jetzt in der Versicherungsbranche als Aktuare beschäftigt oder arbeiten in Themen, wo sie die Mathematik auch praktisch anwenden können. Wir hatten am Anfang Vorlesungen gemeinsam mit Physikern. Da lag die Quote nur bei rund 10%, oder sogar darunter. Gerade die Kombination Mathematik und Wirtschaft scheint also eher Frauen anzuziehen.

Wie sind Sie in die Fonds-Branche gekommen? War das schon immer Ihr Wunsch?
Aus meiner London-Erfahrung war es die Securities-Welt, die mich fasziniert hat. Während meines Studiums in München habe ich auch Praktika bei der Allianz im Asset Management und bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group gemacht. Zum Ende meines Studiums habe ich dann Interviews bei verschiedenen Banken geführt und dabei festgestellt, dass das Asset Management für mich am interessantesten ist, weil es die Vermögensverwaltung und die Beratung zusammenbringt. Ich finde es spannend, gemeinsam mit Kunden strategische Überlegungen anzustellen und passgenaue Konzepte zu finden.

Was macht es für Sie als Mathematikerin attraktiv, in der Fonds-Branche zu arbeiten?
Ich hatte immer einen Hang zu quantitativen Strategien. Phasenweise habe ich im Versicherung-Team mitgearbeitet und da auch bei analytischen Studien mitgewirkt; auch da hat mir die Mathematik gut weitergeholfen. Meine mathematische Ausbildung hilft dabei hinterfragen zu können, was hinter bestimmten Investment-Konzepten oder –Strategien steckt. In meinem jetzigen Job hilft mir dieser Background, indem ich die Dinge abstrahieren und daher auch größere Zusammenhänge erkennen kann.

Aktuell leiten Sie das Deutschlandgeschäft von NN Investment Partners. Wie sieht da Ihr Arbeitsalltag aus?
Unser Augenmerk ist es, hier in Deutschland die bestmöglichen Strategien für unsere vorwiegend institutionellen Kunden zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen, also für Versicherungen, Pensionskassen, Banken, Stiftungen und so weiter. Daneben betreuen wir auf der Wholesale-Seite entsprechende Vertriebspartner, entwickeln mit ihnen Lösungen und vermarkten sie.

Sie gehen also mit zu den Kunden?
Ja, und zwar sehr gerne! Darüber hinaus besteht meine Aufgabe darin, das Team hier in Deutschland bestmöglich zu unterstützen und NN IP erfolgreich im Markt zu positionieren. Dazu schaue ich, was wir auf der Investment- oder der Struktur-Seite noch von unserer Muttergesellschaft benötigen. Ich bin auch mit der globalen Organisation im engen Austausch, damit wir international gut aufgestellt sind. Deutschland ist ein Markt, der in den letzten Jahren gut gewachsen ist. Darüber freuen wir uns, aber wir machen das im engen Austausch mit den Kollegen international.

Haben Sie ein Beispiel für den internationalen Austausch?
Das war z. B. ein Austausch mit den Kollegen in Frankreich. Diese hatten Projekte auf der Trade-Finance-Seite und wir hatten Kunden und operative Erfahrungen, die wir den Kollegen in Paris zur Verfügung stellen konnten. Mit den Schweizer Kollegen hatten wir gemeinsame Pitches zu Unternehmens-Anleihen. Auch Green Bonds und Alternative Credits sind für uns ein wichtiges Feld, wo wir eng mit den niederländischen Kollegen zusammenarbeiten. Im Prinzip erstellen wir als globales Team gerne neue Lösungen und Strukturen, von denen wir dann international profitieren können.

Wie viele Mitarbeiter sind sie im deutschen Büro?
Insgesamt neun Personen, davon drei für institutionelle Kunden, einer für Wholesale und zwei für die Kundenbetreuung. Eine Person ist bei uns für Marketing zuständig.

Sie haben zuvor für Goldman Sachs und Vontobel gearbeitet. Hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere das Gefühl, dass es für Sie als Frau schwieriger ist, Karriere zu machen?
Die Förderung von Frauen scheint ein großes Thema für die Finanzbranche zu sein. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich immer als Teammitglied betrachtet wurde und nicht speziell als Frau. In meiner Zeit bei Goldman Sachs wurde auch nach dem Aspekt der Diversität geschaut. Ich habe das mit Begeisterung aufgenommen, weil es dort Frauen-Initiativen gab und wir weibliche Vorbilder innerhalb der Organisation kennen gelernt haben. Bei Beförderungen habe ich aber beobachtet, dass das Augenmerk auf gelieferte Inhalte gerichtet wurde, und dann entsprechend die Beförderungen ausgesprochen wurden.

Das haben leider nicht alle Frauen so erlebt. Wie können wir das Klima für Frauen in unserer Branche verbessern?
Wir sollten Frauen schon sehr früh während ihrer Ausbildung oder Studienzeit ansprechen. Es ist wichtig, die Breite der Organisation und der möglichen Jobs zu zeigen, um möglichst viele anzusprechen. Meine Beobachtung ist, dass Frauen oft vorsichtiger sind bei der Wahl ihrer Karriere und wenn es darum geht, Anforderungen anzunehmen. Grundsätzlich gilt es, die Finanzwelt für Frauen zugänglicher zu machen. Das gilt nicht nur für die Jobwahl, sondern auch für das Anlageverhalten von Frauen.

Wie sieht es bei NN Investment Partners aus… Wie ziehen Sie junge Talente an?
Hier im Frankfurter Büro haben wir nur Senior-Kundenberater und einen Praktikanten. Daher sind wir bei jungen Leuten eher nicht vertreten. Wir sind hier in Frankfurt ein gemischtes Team, das zu einem Drittel weiblich ist. Das entspricht auch etwa der Quote bei NN Investment Partners. Dort sind im Senior Management etwa ein Drittel Frauen. Auf Ebene der Sales-Kollegen ist die Quote sogar deutlich höher, und wenn ich mir die Country-Manager bei NN Investment Partners ansehe, sind mehr als die Hälfte weiblich. Dass wir hier als Unternehmen schon relativ weit sind, ist nicht überraschend: die Niederländer haben schon immer weniger Unterschiede gemacht und arbeiten insgesamt auch sehr flexibel.

War das für Sie ein Grund, bei NN Investment Partners anzuheuern?
Als erstes haben mich die Potenziale von NN Investment Partners für unsere Kunden in Deutschland angesprochen. Dann hat mir die lockere und zugleich professionelle Art der Niederländer gut gefallen. Und vor allem hat mich meine Chefin, Hester Borrie, begeistert. Sie leitet das globale Kundenteam, und es macht Spaß, mit ihr und den anderen Country Managern zusammenzuarbeiten. Es zeichnet ein Unternehmen einfach aus, wenn in der Führung starke Persönlichkeiten die Dinge voranbringen.

Noch eine Frage zu den Märkten: Wo sehen Sie aktuell die besten Chancen?  Welche Ihrer Fonds werden in diesem Jahr die besten Absatzzahlen haben?
Der Krieg in der Ukraine stellt eine schlimme Veränderung für die gesamte Welt dar. Die Finanzmärkte stehen stark unter Druck. Unser Fokus liegt darauf, gut durch die aktuell unsichere Zeit zu kommen und unsere Kunden dabei bestmöglich zu unterstützen. Sicher wird auch weiterhin Geld investiert, und da sehe ich nach wie vor großes Interesse, insbesondere bei alternativen Strategien. Ein gutes Beispiel dafür sind Infrastrukturprojekte, die durch den Ausbau alternativer Energieträger weiter an Bedeutung gewinnen werden.

Haben Sie gerade Ihre Glaskugel dabei? Und könnten Sie uns sagen, für welchen Fonds von NN Investment Partners Sie das größte Absatz-Potenzial in 2022 sehen?
Wir haben viele spannende Strategien und Lösungen. Allerdings überschattet der Krieg aktuell alles und macht es quasi unmöglich, diese Frage zu beantworten. Unsere Priorität ist, für unsere Kunden da zu sein und gut durch diese Zeit der Unsicherheit zu kommen.

Danke, dann müssen wir uns nächstes Jahr wieder zusammensetzen und schauen, inwieweit sich die Welt verändert hat!
Ja, gerne! Eines ist zumindest sicher – wir werden dann bereits Teil von Goldman Sachs Asset Management sein, die NN Investment Partners gekauft haben. Wir arbeiten gerade daran, die Teams und die Kompetenzen zusammenzuführen.

Welche Regulierung treibt Sie derzeit besonders um?
Insbesondere die Offenlegungsverordnung und die EU-Taxonomie. Wir sind dabei, die Klassifizierungen für unsere Fonds vorzunehmen. 10% unserer Fondsanlagen sind Artikel 9 klassifiziert, und 67% Artikel 8. Damit sind wir im Vergleich zu unseren Mitbewerbern sehr weit. Aber mit der Klassifizierung ist es ja nicht getan, sondern es geht auch darum, die entsprechenden Berichte und Daten zur Verfügung zu stellen. Das Nachhaltigkeits-Reporting bindet bei uns derzeit viele Kapazitäten.

Sie haben eine relativ große Familie. Offenbar können Sie Familie und Job gut miteinander verbinden…
Ich habe vier Kinder, eine Tochter und drei Jungs. Ich wollte immer viele Kinder haben und weiter Karriere machen.  In meinem Umfeld bin ich damit nicht alleine. Meine Tochter wird später mal kein Problem haben, sich durchzusetzen, auch wenn die Männerwelt noch vorherrschen sollte. Und mein erster Sohn sagt, er versteht gar nicht warum das Frauenthema immer so gestellt würde. Er hätte sich bei seinen Freunden erkundigt und sie seien zu dem Ergebnis gekommen, dass bei allen immer die Mutter der Chef ist. Lustig, gell?

Ja! Haben Sie einen Tipp für andere Mütter, die im Job stark eingebunden sind?
Zum einen brauchen wir Frauen Mut für Herausforderungen. Und zum anderen müssen wir gelassen bleiben, auch wenn es mal nicht perfekt ist. Sonst bin ich schon jemand, der gerne an sich und die anderen hohe Anforderungen stellt. Auf der anderen Seite dürfen wir uns auch nicht verrückt machen. Wir können nicht immer überall sein – das gilt gerade in Bezug auf Kinder. Man muss auch mal loslassen können, das ist ja auch der Selbständigkeit der Kinder zuträglich. Wir haben bei uns Strukturen gebaut, die verlässlich sind und der Familie Unterstützung bieten. Mir ist auch sehr wichtig, dass mein Mann und ich Partner auf Augenhöhe sind.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

Foto: Holger Grupe

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