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Was genau ist „Swissness“?

Natürlich kennt jede von uns die Schweiz, aber was genau ist „Schweizerisch“ oder auf Neudeutsch: „Swissness“? Da die Fondsfrauen am 20. September 2016 ihr erstes Regionaltreffen in Zürich hatten, und damit nun ein Standbein auch in der Schweiz haben, wollten wir dieser Frage einmal nachgehen. Unser Schweizer Beiratsmitglied Dr. Fleur Platow von Frauen & Finanzen hat das einmal kompetent für uns beleuchtet…

Swissness – Ist das ein Anglizismus für das typisch Schweizerische? Eine Bezeichnung der Charakteristika des Schweizer Volks? Oder Modebegriff für ein Schlaraffenland, in dem Milch und Honig fließen? Alles Schnee von gestern! Seit die Swissness-Verordnung über das Markenschutz- und Waffenschutzgesetzes per 1.1.2017 in Kraft getreten ist, wissen wir es genau. Es handelt sich um die Kriterien, die bestimmen, wieviel „Schweiz“ in einem Produkt drin sein muss, damit auch „Schweiz“ draufstehen darf. So muss etwa Milch zu 100% aus der Schweiz kommen; bei anderen Rohstoffen sind es 80%. Das fürs Marketing wertvolle Emblem – das weiße Kreuz auf rotem Grund – darf kommerziell nur dann auf Dienstleistungen und Produkten angebracht werden, wenn diese Swissness-Kriterien erfüllt sind. Mit den neuen Regeln sollen die Herkunftsangabe „Schweiz“ und das Schweizer Kreuz vor Missbrauch geschützt werden. Das ist wichtig, denn hierzulande hergestellte Produktion – egal aus welchen Branchen – steht für Spitzen-Qualität, nicht nur des Materials, sondern auch bei der Verarbeitung und dem Design. Man denke etwa an die Schweizer Uhr, die im Billig- wie auch im Luxussegment zu einem Statussymbol für ihre Träger überall auf dem Globus geworden ist; oder die Textil- und Maschinenindustrie, die der Stärke der Landeswährung im Ausland mit erstklassigen Gütern und technologischer Innovation trotzt. Sind diese Produkte mit dem Gütesiegel des Schweizer Kreuzes versehen, so ist das für die Käufer wie ein Brand. Ein Brand für „Swissness“, und das ist „Good to have“.

Schweizer Banken
Auch die Banken und Versicherungen können eine Reihe von Vertretern präsentieren, die hervorragende Dienstleistungen anbieten. Schweizerisch steht für Qualität, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, zuvorkommenden Service, Diskretion, individuellen Respekt.
Anja Hochberg, CS Head Investment Services  und Mitglied des Schweizer Beirats der Fondsfrauen Deutschland, bezieht diesen Ausdruck naturgemäß auf  ihr Metier, die Finanzbranche. Aus ihrer Sicht ist „Swissness“  die Verbindung zwischen historisch gewachsenem Handwerk in der Beratung und Innovation bei den Methoden und Instrumenten. Dies gelte auch für andere Branchen, man denke an die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, die sich heute als facettenreiche Hightech-Branche präsentiere. Zu den Vorzügen der Schweizer Finanzberatung präzisiert Hochberg: „Die Suche nach risikoadjustierten Renditen, nicht der kurzfristige Run auf Kursgewinne, das zeichnet die Schweiz aus!“

Swissness-Vorzüge hin oder her – es darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch hierzulande nicht alles, was sich mit diesem Gütesiegel schmücken darf, ohne Makel ist. So ist es kaum eine Dekade her, dass Schweizer Banker im Zuge der internationalen Finanzkrise völlig aus dem Gleichgewicht gebracht wurden. Die größte Bank des Landes, die UBS, musste vom Bund gerettet werden; das Bankgeheimnis, eine heilige Kuh der hiesigen Finanzwelt, wurde auf Druck der US-Justiz geöffnet, Bankern drohte auf dem Weg von Amerika nach Hause wegen Beihilfe zur Steuerflucht Untersuchungshaft; viele ausländische Privatkunden der Institute an der Zürcher Bahnhofstrasse wurden rüde vor die Notwendigkeit einer Selbstanzeige gestellt. Gerade heute sind die Schlagzeilen der Medien wieder einmal voll: Die Schweiz hat sich verpflichtet, den einst so verabscheuten automatischen Austausch von Informationen über Finanzkunden (AIA) bis 2018 einzuführen. Dann wird Bern einmal pro Jahr ausländische Behörden über die Namen der Steuerpflichtigen und deren Schweizer Bankverbindungen, mit allen Details über die Depotentwicklungen informieren. Die erste Welle von AIA-Vereinbarungen umfasste unter anderem die EU, Japan und die USA. Jetzt hat das Finanzdepartement eine Vorlage ausgearbeitet, die dem Bundesrat die Kompetenz gibt, den AIA mit zwanzig weiteren Staaten und Territorien einzuführen. So ist das eben – ein kleines Land muss dem Druck der Großen stattgeben, denn sonst können die heimischen Unternehmen ihre vergleichsweise weitaus gewichtigere Geschäftstätigkeit im Ausland nicht mehr abwickeln.

Nach dem Krieg war es noch ganz anders. Ich als blutjunge Hamburgerin kannte das Land als eine heile Welt mit Bergen und Seen und Schiffen, die mit der Schweizer Flagge am Heck unter azurblauem Himmel majestätisch ihre Kreise zogen. Noch heute gilt die Schweiz als Hort für zufriedene Menschen, solide soziale Absicherung und politische Stabilität. Nirgendwo sonst in Europa existiert eine solche Insel des Friedens. Im vergangenen Jahrhundert, in dem zwei  Kriege jahrelang die Nachbarländer verwüsteten, blieb die Schweiz nahezu unberührt davon. Typisch war der Wohlstand, der heute noch existiert, und nicht von ungefähr kommt: Fleiß, Ausdauer und unermüdliche Arbeit liegen dem Bauern- und Gebirgsvolk im Blut. Längere Ferien oder kürzere Arbeitszeiten? Haben keine Chance, wie eine Reihe von Volksinitiativen bewiesen, die  jeweils deutlich an der Urne verworfen wurden. Die direkte Demokratie, mit der solche  Vorschläge, aber auch Gesetzesvorlagen, Steuerreformen, Energie- oder Einwanderungspolitik durch das Volk abgestimmt werden, ist ein wichtiger Faktor. Darauf ist man stolz. Doch am stolzesten sind die Schweizer aktuell auf einen ihrer berühmtesten Söhne, den Tennisstar Roger Federer. Das Traumfinal am Australian Open machte kürzlich die Begeisterung hierzulande perfekt: Federer kam, spielte um seinen 18. Grand-Slam-Titel und siegte gegen Nadal. Der Jubel im Land kennt keine Grenzen. Und ja – Roger Federer verkörpert sportliche Swissness vom Feinsten: Ausdauer, Kraft, Kampfgeist mit Fairness gepaart und Reaktionsfähigkeit mit  stilistischer Vollendung.


Foto Fleur PlatowÜber die Autorin:
Dr. Fleur Platow ist Finanzpublizistin und Referentin.
Sie firmiert unter „Frauen&Finanzen“
office@fleurplatow.ch
Tel: +41 44 391 30 76