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Kommentar zur MeToo-Kampagne: Am besten sofort die gelbe Karte zeigen!

Immerhin schafft es der Begriff „#MeToo“Zu auf den 3. Platz der Hitliste der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Die Sprachexperten halten ihn in 2017 für gesellschaftlich und politisch besonders relevant.

Bei einem so relevanten Thema möchten wir Fondsfrauen Stellung beziehen. Losgetreten wurde die MeToo-Bewegungen im Herbst 2017, als mehrere Schauspielerinnen ihre Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein äußerten. Zuweilen wird die Diskussion bizarr. Einige Männer befürchten, wegen eines nett gemeinten Kompliments angeprangert zu werden – das soll nicht sein! Wie öde wäre denn ein Job-Alltag völlig ohne den einen oder anderen harmlosen Flirt? Die Grenzen müssen natürlich klar sein, was aber unter Menschen mit klarem Verstand kein allzu großes Problem darstellen dürfe.

Bei der Diskussion über sexuelle Übergriffe geht es nicht über den mehr oder weniger glücklichen Versuch der Annäherung. Vielmehr geht es a) um das Ausnutzen von Abhängigkeiten und b) die Überschreitung von Grenzen, die der Frau (in einigen Fällen auch dem Mann) gegen den Strich laufen.

Abhängigkeiten dürfen nicht ausgenutzt werden
Der Fall der Abhängigkeit ist schnell klar: Wenn die Situation „Du bist so begehrenswert und ich habe interessante Jobs zu vergeben“ vorliegt, ist auf Seiten des Machtinhabers besondere Vorsicht geboten. Hier geht es nicht um das „Anbandeln“ unter zwei gleichberechtigten Erwachsenen, sondern um das Ausüben von Macht. Machtinhaber sollten ihre Position nicht ausnutzen – Punkt!

Und ein betagter Mann in gehobener Position, der seinen Grips beisammen hat, braucht sich nicht lange zu überlegen, was eine Frau, die fast noch im Teenager-Alter ist, an ihm attraktiv finden soll. Rein körperlich wird sie vermutlich gleichaltrige Männer anziehender finden, aber wenn die Frau in einer untergebenen Position ist und sich der Mann eine Art Gatekeeper-Funktion für interessante Jobs hat, ist die Frau in der Zwickmühle. Macht, Geld, Einfluss und Beziehungen können hier einiges kompensieren, was nichts mit Sympathie oder körperlicher Anziehung zu tun hat. Im Zweifel sollten Machtinhaber hier ihre Paarungwilligkeit schlicht auf andere Objekte der Begierde fokussieren, als ausgerechnet auf diejenigen, die von ihnen abhängig sind. Oder die Sache muss eben Zeit haben bis nach der akuten Situation der Abhängigkeit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron datete seine jetzige Ehefrau auch erst, nachdem er auf eine andere Schule gegangen war (sie war einmal seine Schul-Lehrerin).

Intelligente Männer sollten die Grenzen des guten Geschmacks kennen
Nicht immer ganz so klar ist es bei der Überschreitung von Grenzen. In sehr vielen Fällen sollten dem Mann die Grenzen des guten Geschmacks bekannt sein – viele Situationen sind hier unstrittig. Schwierig wird es, wenn eine Äußerung tatsächlich Geschmacksache ist, und die eine Seite sie durchaus noch als akzeptabel empfinden kann, und die andere Seite als unmöglich. Wir erinnern uns an die Äußerung des ehemaligen FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle, der der „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich bei einem Gespräch über das Oktoberfest an der Hotelbar gesagt haben soll: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“. Einen solchen Spruch würden die meisten Frauen vermutlich abends an einer Hotelbar noch durchlassen.

In einem Unternehmen, in dem ich einmal gearbeitet habe, sagte ein Kollege zu einer Kollegin: „Oh, Frau X, Sie haben heute aber eine schöne Bluse an.“ Tatsächlich war diese an sich unproblematische Äußerung grenzwertig, denn in der Bluse zeichneten sich ihre relativ großen Brüste deutlich ab, und entsprechend regte sie sich über diese Äußerung auf. Aber womöglich handelt es sich hier um die Art strittiger Situationen, wo man die Äußerung so oder so sehen kann.

Sofort klare Kante zeigen!
In solchen Situationen sollte die Person, die sich als Opfer einer übergriffigen Bemerkung fühlt, sofort reagieren und klare Kante zeigen: „Diese Äußerung ist unangebracht“! Auch im Fußball wird sofort die gelbe oder rote Karte gezeigt. Das ist ein klares Signal, und geschieht nicht erst Jahre nach dem Spiel. Nicht sanktioniertes Verhalten wird von Menschen als „gängig“ und damit als in Ordnung eingeordnet. Das ist wie beim Parken im Halteverbot: Wenn dort schon viele andere Autos stehen, die kein Knöllchen an der Scheibe haben. Man denkt einfach, dass es wohl irgendwie in Ordnung ist, und stellt sein Auto dazu.

Also liebe Herren: Versucht, die Grenzen des guten Geschmacks selbst zu erkennen! Und liebe Damen, wenn Ihr Euch sexuell belästigt fühlt, weist sofort und eindeutig darauf hin und äußert Euch klar! Das ist auch bei einem Vorgesetzten möglich! Äußert sich hingegen eine Frau mehrere Jahrzehnte nach dem Vorfall, dass ihr ein Mann uneingeladen ans Knie gefasst habe, ist das nicht zielführend, sondern führt die Diskussion in ungewolltes Terrain. Was vermieden werden sollte, sind Situationen, wo sich ein Mann zwangsweise erpressbar macht, nur weil er sich mit einer weiblichen Kollegin allein in einem Raum befindet.

Wir wollen hierzulande kein Umfeld wie in den USA, wo ernsthaft überlegt wird, unterschiedliche Aufzüge für Frauen und Männer einzurichten – das klingt fast nach Apartheit! Oder wenn ein Mann in einem Unternehmen vorher zwei Personen Bescheid geben muss, wenn er einer Frau einen Blumenstrauß überreichen möchte. Nett gemeinte Komplimente lockern den (Berufs-)alltag auf und sollen nicht zu Unannehmlichkeiten oder Erpressbarkeit führen. Hallo, ist Flirten nicht eine sehr nette Sache, die wir uns (Frauen wie Männern) nicht vermiesen lassen wollen?

Transparenzanforderungen gelten nicht für die Garderobe!
Vielleicht noch ein Wort zur „Kleiderordnung“ an uns Damen im Fondsgeschäft: Im Showbusiness mögen andere Maßstäbe gelten, aber die Finanzbranche gilt gemeinhin als konservativ, was Outfit und äußere Erscheinung betrifft. Bei Branchenevents sind vereinzelt Frauen zu sehen, die offenbar die aktuellen Transparenzanforderungen in der Finanzbranche allzu wörtlich nehmen und hauchdünne Chiffon-Blusen ohne etwas darunter oder allzu kurze Röcke oder dergleichen anziehen.

Natürlich ist aufreizendes Anziehen kein Freifahrtschein für Männer, diese Frauen sexuell zu belästigen, aber diese Damen müssen sich zumindest die Frage gefallen lassen, was genau sie mit der Wahl ihrer Garderobe bezwecken. Soll das ein Selbstdisziplin-Test für Männer sein? Oder der Ausdruck eines besonders ausgeprägten sexuellen Interesses? Ein Unternehmens-Chef erzählte mir von einer Mitarbeiterin, die ihm eine beruflich bedingte Nachricht auf eine Postkarte schrieb, auf deren Vorderseite stand „I like sexual harassment“, und dazu eine großzügig ausgeschnittene Bluse trug. Ach du liebe Stolperfalle! Welche Reaktion soll denn da angebracht sein?

Lieber Augenmaß, guter Geschmack und ein wenig den Grips anschalten! Und erstickt nicht vor lauter Angst, etwas falsch machen zu können, jeden netten und harmlosen Flirt!

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Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und schreibt u.a. für die Magazine „Fonds Professionell“ und „Institutional Money“. Daneben ist sie Unternehmensberaterin und Dozentin für den Bereich Investmentfonds, und geschäftsführende Gesellschafterin der Fondsfrauen.