„Seit Ewigkeiten hält sich hartnäckig das Gerücht, Frauen seien „risikoscheuer“ als Männer. Sorry, aber das ist Blödsinn. Frauen sind „risikobewusster“ – ein kleiner Unterschied!“

Mal wieder versuchen einige Banken mit neuen Studien zum Anlageverhalten von Frauen Aufmerksamkeit zu erheischen. „Frauen und Ältere erfolgreich – dank konservativer Anlagestrategien“ titelte die jüngste.

Beim genaueren Hingucken findet sich allerdings ein interessanter Satz:

„Konservativ ausgerichtete Aktienanleger waren damit in ihrer Geldanlage deutlich erfolgreicher als Sparer, die sich mit ihren Sparbüchern seit geraumer Zeit mit Zinsen von deutlich unter einem Prozent zufrieden geben müssen.“

Wenn sich Frauen an der Börse engagieren – sei es über Fonds oder Einzeltitel – dann tun sie dies meist in dem Bewusstsein, ein schwankungsreiches Investment zu tätigen. Sie streuen ihre Anlagen breit und investieren auch nur den Teil ihres Geldes am Aktienmarkt, den sie für etliche Jahre loslassen können. Und sie zeigen Geduld. „Hin und Her macht Taschen leer“ – eine Weisheit, die sie gut verinnerlicht haben. Frauen haben ein gutes Gespür für Risiko.

Die vermeintliche größere Risikobereitschaft von Männern dürfte eher deren Naivität und Selbstüberschätzung zuzuschreiben sein. Sie sind sich des Risikos, das sie eingehen, oftmals gar nicht bewusst. Und so lassen sie sich einerseits gern von „todsicheren“ Tipps verleiten und andererseits viel leichter von anfänglichen Verlusten ins Boxhorn jagen. Jäger und Gejagte.

Wenn Frauen eine Risikoaversion haben, dann meist deshalb, weil sie ihren Mangel an Geld bewusst wahrnehmen. Und weil kaum jemand da ist, der sie geduldig und liebevoll über den Zusammenhang zwischen Risiko und Zeit aufklärt. Wie oft hören wir als Beraterin: „Das sind für mich alles böhmische Dörfer“ oder „Ich habe das Thema bisher immer verdrängt“?

Solange Frauen sich im Verdrängungsmodus befinden, unternehmen sie in Sachen Geld entweder gar nichts, oder sie lassen sich – mangels besseren Wissens – die vermeintlich sicheren, vor allem aber für die Vermittler pflegeleichten, Produkte wie klassische Rentenversicherungen oder Bausparverträge „empfehlen“. Wenn sie aber aktiv beginnen, sich mit Wirtschaft und Finanzen auseinanderzusetzen, dann sind sie alles andere als ängstliche Häschen!

Nicht selten gehen Frauen mit dem Glaubenssatz durchs Leben „ich habe ohnehin so wenig, da lohnt ja keine Beratung“. Umgekehrt wird jedoch ein Schuh daraus: je weniger Geld zur Verfügung steht, desto wichtiger, dieses vernünftig zu investieren.

Inzwischen lohnt sich die Beratung für uns als Finanzfrauen kaum mehr. Wer ist noch bereit, eine umfängliche Aufklärung, Beratung, Depoteröffnung, Beratungsprotokoll, Selbstauskunft und Rahmenvereinbarung für einen 50 Euro Sparplan zu machen? Die letzte Vermittlerrichtlinie hat doch vor allem erreicht, dass sich Vermittler zunehmend nur noch auf das große Geld konzentrieren – und das sitzt bekanntlich vor allem (noch!) beim männlichen Geschlecht.

Es ist wohl an der Zeit, diese erneute Diskriminierung von Frauen sichtbar zu machen!


Bild Susanne Kazemieh_formatiertÜber die Autorin:
Susanne Kazemieh
ist Gründerin der FrauenFinanzGruppe in Hamburg, 1989 (www.frauenfinanzgruppe.de).
Sie veröffentlichte 1992 den ersten Finanzratgeber für Frauen, „Versicherungs- und Rentenratgeber für Frauen“ (Konkret Literatur Verlag).
Sie ist Referentin und Autorin zahlreicher Fachartikel.
Tel.: 040 – 41 42 66 67; Mail: info@frauenfinanzgruppe.de

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