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Zeit ist die neue Währung

Ulrike Reiche gilt als ausgewiesene Expertin für Entschleunigung im Berufs- und Privatleben. Sie berät Unternehmer und leitende Führungskräfte auf dem Erfolgsweg. Heute hat sie für die Fondsfrauen einige ihrer Gedanken zum Thema „Zeit“ zusammengestellt, über die es sich nachzudenken lohnt.

Wir leben nach der Zeit, ohne darüber nachzudenken. Es ist ganz normal für uns, dass alles, was wir tun, in Zeit gemessen werden kann, dass wir ihrem Lauf durchgetaktet folgen wie ein Uhrwerk.

Nun nehmen viele Menschen ihre Belastungsgrenze immer deutlicher wahr. Sie erkennen, dass sich Zeit kaum in Geld aufwiegen lässt. Für sie wird die selbstbestimmte Verfügbarkeit über die eigene Lebenszeit immer mehr zu einem Kriterium für Wohlstand und Zufriedenheit.

Dies gilt insbesondere für ambitionierte Frauen, die sich – immer noch häufiger als viele Männer – im Spannungsfeld „Beruf – Familie – Ich“ wieder finden. Für sie ist ein möglichst hoher Handlungsspielraum wichtig, um den beruflichen Alltag mit den privaten Anforderungen optimal aufeinander abstimmen zu können.

Flexible Arbeitszeiten sind normal
Erfreulicherweise hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahren bereits durch zunehmende Mobilität, virtuelle Zusammenarbeit und dem Wunsch der Beschäftigten nach familienfreundlichen Arbeitszeiten flexibilisiert. Viele Organisationen haben dieser Entwicklung bereits Rechnung getragen und moderne Arbeitszeitmodelle eingeführt: Von gleitenden Arbeitszeiten über Vertrauensarbeitszeit und Teilzeit bis hin zum Jahresarbeitszeitkonto ist vieles möglich geworden, was rund um die Milleniums-Wende noch die große Ausnahme darstellte.

Digitalisierung als Treiber der Flexibilität
Der digitale Fortschritt treibt diesen Trend weiter voran. Denn Digitalisierung ist kein neues technisches Spielzeug, sondern eine gesellschaftsprägende Entwicklung. Die Arbeitsweise in den meisten Unternehmen und Berufen wird sich in den kommenden Jahren komplett verändern. Da, wo bisher weitgehend prozesshaft gedacht und mit klaren Zielvorgaben relativ gleichmäßig getaktet gearbeitet wurde, werden sich mit zunehmender Geschwindigkeit betriebliche Abläufe und Arbeitsbedingungen beschleunigen. Dies hat auch Auswirkungen auf den Umgang mit Zeit.

Flexibilisierung ist keine Einbahnstraße
Die Gestaltung der Arbeitszeit kann jedoch nicht nur aus Unternehmenssicht von den wirtschaftlichen Anforderungen her gedacht werden. Man sollte meinen, dass die geltenden Regelungen nicht nur den Arbeitgebern, sondern auch den Beschäftigten einen recht weit gesteckten Rahmen bieten, in dem sie ihr berufliches Engagement in Übereinstimmung mit persönlichen Interessenlagen gestalten können.

Das Diktat
Befragungen unter Mitarbeitern belegen jedoch, dass diese mehrheitlich nur wenig Einfluss auf ihre Arbeitszeiten nehmen können. Auch wenn der klassische „9 to 5“-Job weitgehend ausgedient hat, wird gewohnheitsmäßig so weitergearbeitet wie zu vor. Führungskräfte diktieren die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter und lehnen kategorisch Teilzeit in ihren Teams ab. Die althergebrachte Präsenzkultur verhindert das Arbeiten im Homeoffice und in der Mittagszeit anberaumte Meetings unterlaufen notwendige Erholungspausen.

Auf diese Art wird das vorhandene Flexibilisierungspotenzial, wenn überhaupt, nur einseitig ausgeschöpft. In gleichem Maße steigt die Unzufriedenheit auf Seiten der Beschäftigten, die sich immer mehr im Korsett von Zeit und Arbeitslast unter Druck gesetzt sehen.

Sie entscheiden über Ihre Arbeits- und Lebenszeit
Auch wenn das Selbstverständnis Ihres Chefs noch alt hergebracht ist, wird dabei oft übersehen: Die zeitliche Flexibilität hängt in einem hohen Maße zunächst einmal von unserer eigenen Motivation und den persönlichen Interessenlagen ab. Im besten Fall bilden gesetzliche Regelungen, Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen einen geeigneten formellen Rahmen. Entscheiden Sie selbst, wie Sie sich in dem gesteckten Rahmen bewegen:

  • Welchen Gestaltungsspielraum brauche ich, um Berufs- und Privatleben optimal miteinander in Einklang zu bringen?
  • Braucht es in meiner aktuellen Lebenssituation eine vorübergehende Teilzeit-Lösung?
  • Arbeite ich gern und gut im Home-Office?
  • Wo sind die Grenzen meiner persönlichen Flexibilität?

Inwieweit sich die Arbeitszeiten mit Ihren persönlichen Vorstellungen vereinbaren lassen, hängt von der Flexibilität Ihres Arbeitsgebers ab. Es lohnt sich, über die Lage und Dauer der Arbeitszeit ebenso so ernsthaft zu verhandeln wie über Ihr Gehalt. Denn letztendlich ist frei verfügbare Zeit auch eine Form von Entlohnung!


Über die Autorin:
Ulrike Reiche ist Entschleunigungs-Expertin. Sie hat einen eigenen Blog, in dem sie viel Nachdenkenswertes über Zeit schreibt.
Ihr neu erschienenes Buch „Slow Work Slow Life – entschleunigt und gelassener leben“ haben wir hier vorgestellt.

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