Corinna Valentine Finanzchefin ist (CFO) und Geschäftsführerin beim Zahlungsdienstleister PAYONE. Wir sprechen mit ihr darüber, warum Sichtbarkeit im Job wichtig ist, und was wir dafür tun können.
Seit Oktober 2024 ist Corinna Valentine Finanzchefin (CFO) und Geschäftsführerin beim Zahlungsdienstleister PAYONE. Zuvor arbeitete sie viele Jahre bei Fidelity International (FIL), zuletzt als CFO und COO der Deutschland-Tochter. Davor hatte sie Stationen bei KPMG in Wales und Kleinwort Benson in London. Corinna ist auch Beirats-Mitglied der Fondsfrauen. Wir sprechen mit ihr darüber, warum Sichtbarkeit im Job wichtig ist, und was wir dafür tun können.
Das Wichtigste in Kürze
- Beide Aspekte sind wichtig: Sowohl die interne als auch die branchenweite, externe Sichtbarkeit.
- Es ist wichtig, innerhalb seines Unternehmens seine Wünsche klar zu artikulieren. Im richtigen Augenblick muss jemand an dich denken.
- Wenn du einfach nur jeden Tag deinen Job machst, dann bist du nicht breit sichtbar. Nimm gerne Projekte an, insbesondere wenn es welche sind, die Dir Sichtbarkeit bringen.
- Wenn es um einen Austausch ging, habe ich immer „bold and brave“ angefragt. Das Schlimmste, was der Gesprächspartner sagen können, ist „nein“.
- Medientrainings sind sinnvoll, weil sie dir Sicherheit geben, wenn du auf Panels sitzt, geinterviewt wirst oder anderweitig öffentlich auftrittst.
Corinna, wir wollen heute über das Thema „Sichtbarkeit“ sprechen. Hältst Du Sichtbarkeit im beruflichen Kontext für wichtig?
Aus meiner Sicht gibt es da zwei Perspektiven, vor allem als Frau: Zum einen ist es ganz wichtig, dass ich sichtbar bin für andere Frauen, schon allein der Vorbildfunktion wegen. Im Finanzsektor sind wir mit der Frauenquote noch nicht so weit, wie es wünschenswert wäre. Umso wichtiger ist es, dass seniore Frauen sichtbar sind. Der zweite Aspekt, den man nicht vernachlässigen darf, ist, dass man auch außerhalb der eigenen Firma gesehen werden sollte.
Ist es wichtiger, intern oder extern sichtbar zu sein? Oder beides?
Tatsächlich beides. Der interne Aspekt ist, dass man bei Beförderungen gesehen wird, oder wenn es interessante, interne Projekte gibt. Aber auch externe Sichtbarkeit ist relevant, beispielsweise, wenn mal ein Jobwechsel ansteht, oder damit man mal für ein Panel oder Interview angefragt wird.
Warum sind Sichtbarkeit und Netzwerken so wichtig?
Sichtbarkeit ist in vielerlei Sicht nützlich; sei es, dass man vielleicht mal eine Jobanfrage bekommt, oder einfach eine Netzwerkanfrage, denn ein wichtiger Aspekt des Netzwerkens ist es ja auch, seinen Horizont zu erweitern. Ich persönlich habe einen großen Teil meiner Karriere in einem einzigen Unternehmen verbracht, daher habe mich in erster Linie im Unternehmen sichtbar gemacht. Als ich mich dann aber verändern wollte, habe ich schnell gemerkt, dass mich außerhalb meines Unternehmens kaum einer kennt.
Kannst Du eine Situation schildern, wo es hilfreich war, dass man Dich kannte und Du präsent warst? Wo es dir wirklich Pluspunkte gebracht hat?
Bei der internen Sichtbarkeit hat mir geholfen, dass ich innerhalb des Unternehmens meine Wünsche klar artikuliert habe. Beispielsweise wollte ich mal ins Ausland. Da habe ich kommuniziert, dass ich dieses und jenes kann und habe wiederholt gesagt, dass ich meine Fähigkeiten auch gern mal im Ausland einbringen würde. Irgendwann erhielt ich dann tatsächlich eine interne Anfrage: „Wir hätten da eine Rolle in den Bermudas. Haben Sie Interesse?“ Angesprochen hatte mich nicht mein Vorgesetzter, und es handelte sich auch nicht um einen Job aus meinem Bereich; aber in so einem Augenblick muss jemand an dich denken. Der muss dich im Kopf haben und sagen: „Mensch, das wäre doch was für Corinna.“ Wenn du aber nicht sichtbar bist und dich diese Person in dem Augenblick nicht im Kopf hat, dann wirst du für eine solche Position auch nicht berücksichtigt.
Bermuda, wie klasse! War das der einzige Fall, bei dem Dir die interne Sichtbarkeit so gut weitergeholfen hat?
Eigentlich sind alle meine beruflichen Rollen auf Grund meiner internen Sichtbarkeit zustande gekommen. Intern habe ich relativ häufig meine Aufgabe gewechselt – sagen wir mal, in den letzten 25 Jahren etwa alle drei Jahre. Die Rollen kamen immer auf mich zu, weil jemand mich gesehen und gesagt hat: „Mensch, das wäre doch was für dich!“
Kannst Du sagen, was du genau für Deine Sichtbarkeit tust?
Wenn du einfach nur jeden Tag deinen Job machst, dann bist du nicht breit sichtbar. Dann machst du deinen Job und damit ist es gut. Ich habe mir jeweils überlegt, welche Projekte Sichtbarkeit bringen. Das sind die Dinge, bei denen du vielleicht über den Tellerrand hinausschauen kannst, die Dinge, wo du sichtbarer wirst. Du solltest überlegen: Von wem möchte ich gesehen werden? Ich habe das recht früh umgesetzt. Wenn ich beispielsweise eine Geschäftsreise nach Japan gemacht habe, dann habe ich einen Termin mit unserem Japan-CEO ausgemacht, obwohl ich zu der Zeit noch recht junior war. Das war in dem Fall sogar einfach, denn das war damals ein Deutscher, so dass ich sozusagen die deutsche Connection wahrnehmen konnte. Das habe ich bei allen internationalen Reisen so gemacht. Mein Wunsch wurde nie abgeschlagen. Die Senior Executives haben eigentlich immer gern über ihren Bereich, über das Land, in dem sie arbeiten, über Herausforderungen und so weiter, gesprochen. Eigentlich redet doch jeder gerne über sich, oder?
Hilft auch Mentoring in Sachen Sichtbarkeit?
Auf jeden Fall! Ich freue mich immer, wenn ich mich mit anderen austauschen kann. Ich habe viele Mentees, die an einer Karriereschwelle stehen. Denen sage ich immer: „Du musst sichtbarer werden. Du musst jemanden finden, der dich supportet, vielleicht auch zwei Level über dir!“ Geh mal mit denen zum Lunch oder melde Dich für ein Projekt! Stell etwas Interessantes vor! Es muss ja nicht mit der Holzhammer-Methode sein. Aber so, dass dich jemand im Kopf hat und weiß, dass es dich gibt. Ich habe das auch immer gemacht, habe einfach einen Austausch „bold and brave“ angefragt. Das Schlimmste, was sie sagen können, ist „nein“.
Und gab es da gelegentlich ein Nein?
Wenn ich so überlege: Eigentlich nie!
Sollte man an seiner Sichtbarkeit / am Netzwerk kontinuierlich arbeiten, oder gibt es Situationen, wo man seine Bemühungen besonders hochfahren sollte?
Innerhalb meiner Firma habe ich eigentlich immer an meiner Sichtbarkeit gearbeitet, weil ich wusste, wie wichtig das ist. Allerdings habe ich lange nicht an meiner externen Sichtbarkeit gearbeitet, weil ich hier die Relevanz falsch eingeschätzt habe.
Wann hast du damit begonnen, neben der internen auch an deiner externen Sicherheit zu arbeiten?
Als ich bei Fidelity ausgestiegen bin, habe ich erst richtig bemerkt, dass ich wenig für meine externe Sichtbarkeit getan hatte. Klar, ich war bei den Fondsfrauen im Beirat, da war ich sichtbar, aber außerhalb der Fondsfrauen nicht. Ich war richtig geschockt, als mir ein Personalberater sagte „ich habe noch nie von Ihnen gehört!“ Da dachte ich, das ist erstaunlich: Ich habe bei Fidelity eine so lange und erfolgreiche Karriere gehabt, zuletzt als Senior Executive mit viel Einfluss. Und jetzt gehe ich raus und stelle fest, dass ich außerhalb des Unternehmens nicht visibel bin. Ich musste also im externen Kontext ganz von vorne anfangen, um mich zu positionieren, mich zu erklären, zu zeigen was meine „Marke“ ist. Da habe ich gemerkt, dass ich etwas verpasst hatte. Diese Erfahrung bringe ich in mein Mentoring mit ein, denn ich möchte ja, dass es anderen Frauen besser geht.
Wieviel Arbeit macht es, Präsenz zu zeigen? Wie sollte das zeitliche Verhältnis zwischen „den Job machen“ und „Netzwerken / Sichtbarkeit“ sein?
Ich denke, das kommt auf die jeweilige Lebenssituation an. Wenn du in einem globalen Konzern arbeitest, gibt es viele Gelegenheiten. Schon in deinem daily Job bist du mal in diesem oder jenem Projekt oder erhebst mal deine Stimme. Da wirst du gesehen. Die externe Sichtbarkeit ist wesentlich zeitintensiver. Ich habe einfach mit LinkedIn angefangen, habe mal einen guten Post geliked oder mal was kommentiert. Aber immer gezielt zu meinen Themen. Dann habe ich mich beim Fondsfrauen Gipfel zum Thema „Mut tut gut“ gemeldet und daraus hat sich ein Interview ergeben, das dann nach extern sehr visibel war. Man muss ja nicht jeden Tag permanent überall immer sichtbar sein. Mein eigentlicher Job war ja CFO, und nicht Influencerin.
Wie soll man sich noch extern sichtbar machen, außer bei LinkedIn?
Man sollte beispielsweise überlegen, auf welche Veranstaltungen man geht. Natürlich geht es mir dabei nicht nur ums Sichtbar-Sein, sondern ich möchte mich dort auch weiterbilden. Aber es gibt mir eben auch die Gelegenheit zu netzwerken und danach einen Post schreiben. Das mache ich aber nur, wenn ich etwas Interessantes zu sagen habe
Kommt es auch auf die Position an, die jemand hat? Eine Vertriebs-Frau wird vermutlich immer gesehen, aber die Frau, die im Backoffice arbeitet, eher weniger.
Ja, absolut! Daher habe ich mich sehr gefreut, als Ihr mich wegen der Beiratsposition gefragt habt. Dort sind ja auch einige Frauen, die durch ihren daily Job als CIO, Vertriebs-Leiterin und so weiter viel mehr Visibilität haben als ich. Ich glaube, ich war damals die Erste im Beirat, die aus dem Backoffice kam und nicht eine Rolle hatte, die eher nach außen gerichtet sind. Es gibt ja viele Frauen im Backoffice und gerade für sie ist Sichtbarkeit sehr wichtig. Ein Unternehmen funktioniert ja nur durch Frontoffice UND Backoffice.
Als Journalistin darf ich auch nur ganz selten mit Frauen aus dem Backoffice reden, auch dann nicht, wenn ich über ein Backoffice-Thema schreibe und mit einer entsprechenden Expertin reden möchte. Ich darf mit denen aber nicht sprechen, weil sie oft kein Medientraining haben.
Ja, so ist das! Medientrainings sind sehr wichtig. Ich hatte zwar die Chance das zu durchlaufen; außer mir waren dort überwiegend Vertriebler. Medientrainings sind sinnvoll, weil sie dir Sicherheit geben, wenn du auf Panels sitzt, geinterviewt wirst oder anderweitig öffentlich auftrittst. Es ist dann aber auch wichtig, tatsächlich aus seiner Komfortzone herauszukommen und mal auf einem Panel zu sprechen oder ein Interview zu führen, vielleicht auch ohne Medientraining.
Was glaubst Du, wie das zeitliche Verhältnis bei Männern ist?
Ich möchte hier nicht biased sein, aber wenn ich mich mit meinen Mentees oder den Frauen in der Firma beschäftige, dann sehe ich, dass für sie immer die Arbeit an oberster Stelle steht und Netzwerken kommt on top, sozusagen als Luxus. Frauen netzwerken nur, wenn sie Zeit haben, aber wann soll das sein? Männer sehen Netzwerken als Teil ihres Jobs.
Gesetzt den Fall, Du hast den Schreibtisch voll, viele Deadlines drücken, und morgen ist ein wichtiges, ganztätiges Branchenmeeting, zu dem Du Dich schon angemeldet hast. Was machst du: Hingehen oder Schreibtisch leer arbeiten?
Ich würde immer raten, hinzugehen. Es gibt ja auch die Möglichkeit, nur einen halben Tag hinzugehen, wenn die Zeit knapp ist. Kommenden Freitag habe ich mich zu einem FAZ-Event angemeldet, bei dem es um Leadership geht. Allerdings habe ich morgens schon drei Meetings… ich will aber auf jeden Fall hingehen, und wenn es nur am Nachmittag ist. Man erhält durch solche externen Events wirklich tolle Impulse – neben der Sichtbarkeit. Also ich kann nur raten: Unterschätzt das Netzwerken auf Events nicht! Meldet Euch an und geht hin!
Wie machen Männer das denn?
Ein Mann würde niemals sagen: „Fürs Netzwerken habe ich keine Zeit!“. Männer sehen Netzwerken als Teil der täglichen To-Dos. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meinem Vorgesetzten erklären muss, dass Frauennetzwerken anders ist. Ich gehe gern auf Frauen-Events, a) weil man dort viele Frauen trifft, und b) weil dort eine andere Energie herrscht. Mein Gefühl ist, Frauen netzwerken eher bei Veranstaltungen oder in größeren Gruppen. Männer gehen zusammen zum Geschäftsessen, das tue ich auch, aber lieber treffe ich mich mit mehreren gleichzeitig.
Nicht jede Frau steht gern im Rampenlicht, geht auf die Bühne und ergreift das Wort. Was können stillere Naturen tun, um präsent zu sein?
Klar gibt es auch introvertierte Frauen, aber ich bin fest davon überzeugt, dass jeder auf der Bühne stehen kann. Vor einiger Zeit war ich auf einem Panel neben einer Frau, die mir erzählt hat, dass sie introvertiert ist und sich auf einer Bühne eigentlich nicht wohlfühlt, dass sie aber trotzdem hier ist, weil sie denkt, dass sie eine Story hat. Vielleicht muss sie sich ein bisschen mehr vorbereiten als eine, die einfach so los reden kann, aber es geht! Sie hat bewusst den Sprung aus ihrer Komfortzone gewagt – wow!
Wir sprechen so viel über Diversität. Wenn jeder auf dem Panel laut und extrovertiert ist, hilft das auch nicht. Für die Zuhörer ist es viel spannender, wenn sie unterschiedliche Perspektiven bekommen und unterschiedliche Persönlichkeiten erleben.
Eine introvertierte Frau muss ja nicht unbedingt life auf die Bühne. Sie könnte ja z.B. auch was über LinkedIn machen. Die muss ja nicht raus in die Bütt.
Ja, absolut. Man sollte aber auch eine Balance zwischen Social Media und persönlichen Treffen halten. Nicht jeder ist bei LinkedIn, und persönliche Zusammenkünfte oder Events sind ja etwas ganz anderes als mal was zu posten. Dort ist ein viel näherer Austausch möglich als wenn du nur bei LinkedIn etwas schreibst.
Hast Du am Schluss noch einen ganz persönlichen Tipp für unsere Leserinnen?
Ich möchte allen Leserinnen die Maxime mitgeben: Sei bold and brave! Mutig sein, Fragen stellen, Sachen einfordern… das ist ganz wichtig. Die Menschen können ja immer noch „Nein“ sagen, wenn du nach etwas fragst, aber dann hast du es wenigstens probiert. Wenn zu mir jemand kommt und fragt, ob man mal zusammen zum Lunch oder auf einen Kaffee geht, dann sage ich eigentlich immer ja. Manchmal dauert das etwas länger, bis das in den Kalender passt, aber Zeit für Netzwerken, extern und intern, muss sein.
Vielen Dank, auch für Deine sehr persönlichen Erfahrungen!


