Kirsten Neuschäfer ist eine der Top-Seglerinnen der Welt. Als erste Frau überhaupt gewann sie das Golden Globe Race 2022–2023, eine Nonstop Einhand Weltumsegelung, die als eine der härtesten Regatten der Welt gilt. Wir sprechen mit ihr darüber, warum sie sich solche harten Aktionen antut, wie sie sich selbst motiviert, und wie sie mit Angst umgeht. Ihr Tipp: Denk immer nur an den nächsten Schritt, nicht an das weit entfernte Ziel!
Das Wichtigste in Kürze
- Einsamkeit kann man üben. Je öfter man das macht, desto mehr fühlt man sich wohl – nur mit sich.
- Dass ich bei dem Race die einzige Frau war, lief für mich sehr im Hintergrund. Ich kann das, ich mache das, und der Rest ist mir egal.
- Lass Dich nicht von Deinem Vorhaben abbringen von Menschen, die nur reden, es selbst aber noch nie versucht haben!
- Denk bei einem großen Projekt einfach nur an die nächste Etappe, und nicht an das weit entfernte Ziel! So ist es viel leichter!
- Am Anfang ist es immer schwierig, aber nach und nach wird die schwierige Situation zum Alltag.
- Es wirkt sehr befreiend, das ganze Zeug nicht mehr zu haben, wovon man meint, es im Alltag zu brauchen.
- Es ist schwierig, die Erwartungen anderer Menschen erfüllen. Je näher die Startlinie rückte, desto mehr Menschen hatten mir schon geholfen. Einerseits haben sie mich damit ermutigt, auf der anderen Seite hatten sie dann aber auch gewisse Erwartungen.
- Auf hoher See heißt es plötzlich: „Jetzt muss ich einen Weg finden!“ Den findest du dann auch, weil es nicht anders geht.
- Dass ich so viel selbst an meinem Boot gemacht habe, hat mir viel Confidence gegeben. So wusste ich: Wenn etwas schiefgeht, kann ich es wahrscheinlich auch reparieren.
- Durchs Tun wirst du einfach besser in der jeweiligen Sache! Ich kann nur raten, es einfach zu machen!
Kirsten Neuschäfer ist eine der Top-Seglerinnen der Welt, wenn nicht gar DIE Top-Seglerin. Sie gewann das Golden Globe Race 2022–2023, eine Nonstop Einhand Weltumsegelung, die als eine der härtesten Regatten der Welt gilt. Sie erreichte das Ziel am 27. April 2023 in Les Sables d’Olonne (Frankreich) und wurde damit als erste Frau überhaupt Siegerin dieser historischen Regatta. Dazu war sie 233 Tage mit ihrem Schiff „Minnehaha“ (eine Cape George 36) unterwegs und rettete unterwegs den finnischen Segler Tapio Lehtinen, dessen Boot mitten im Südatlantik sank. Bei einem Bobby Schenk-Seminar hat Fondsfrau Anke Dembowski Gelegenheit, mit der Südafrikanerin mit deutschen Wurzeln darüber zu sprechen, warum sie sich solche harten Aktionen antut, wie sie sich selbst motiviert, und wie sie mit Angst umgeht. Ihre Erkenntnisse hören sich leicht an („einfach machen!“) und lassen sich gut in den Business-Kontext übertragen.
Kirsten, wie ist das, allein auf einer relativ kleinen Segelyacht 233 Tage auf einer Around-the-Globe-Regatta zu sein?
Für mich war es schön, denn ich mag single-handed-Adventures. Es freut mich zu wissen, dass ich ganz unabhängig sein kann, wirklich auf mich selbst gestellt. Ich bin wohl ein ziemlicher Einzelgänger. Beispielsweise gehe ich gern allein wandern, Fahrrad fahren oder segeln. Allerdings kann man Einsamkeit auch üben. Je öfter man das macht, desto mehr fühlt man sich wohl – nur mit sich. Vor der Around-the-Globe-Regatta habe ich das Alleine-Segeln schon mal geübt und bin einhand 15.000 Seemeilen gesegelt.
Warum segelst Du lieber alleine? Du hättest ja auch bei einer Team-Regatta mitsegeln können. Wäre das nicht angenehmer, weil man sich austauschen und ergänzen kann?
Gelegentlich wäre es vielleicht schön, sich austauschen zu können. Aber alleine zu segeln finde ich es entspannender. Wenn Du als Skipper mit einer Besatzung oder mit Kunden unterwegs bist, dann bist Du auch für sie verantwortlich. Und wenn mal was schief geht – vor allem wenn man dort im Süd-Ozean herumsegelt und in einen schweren Sturm gerät, das Schiff womöglich sinkt – dann gehen alle mit unter, und man ist dann verantwortlich dafür. Ich finde es leichter allein zu sein und nur für mich selbst die Verantwortung zu haben.
Klar gab es auch mal schwierige Zeiten: Wenn etwas kaputt geht, oder man in einen Sturm gerät oder in einer Flaute sitzt. Gerade bei einer Flaute wird man fast verrückt. Da wäre es wirklich schön gewesen, sich mit Menschen austauschen zu können oder einfach nur mal zu telefonieren. Aber solange alles glatt verlief, war ich alleine sehr zufrieden.
War es ein Anliegen von dir, zu zeigen, dass auch eine Frau eine so harte Regatta segeln kann?
Nein, ich wollte kein Statement machen über Gender Empowerment oder so. Als ich mich für die Regatta eingeschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt genug Erfahrung gesammelt hatte und dass ich in der Lage wäre, sie eventuell zu gewinnen. Man muss für so eine Challenge schon an sich glauben. Es war mir aber egal, ob andere Frauen im Rennen wären oder nur Männer. Ich habe mich als Segler gesehen, nicht als Seglerin. Dass ich bei dem Race die einzige Frau war, lief für mich sehr im Hintergrund. Ich kann das, ich mache das, und der Rest ist mir egal.
Du hast schon früher etwas Irres gemacht. 23 Jahre jung warst du, als du mit dem Fahrrad allein den afrikanischen Kontinent durchquert hast – 15.000 Kilometer von Marokko bis Kap Agulhas in Südafrika. Was reizt dich an extremen Sport-Abenteuern?
Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht liegt es an meiner Kindheit. Ich bin in Südafrika auf einer kleinen Farm aufgewachsen und war immer draußen, daher sind Outdoor-Dinge meine Leidenschaft. Ich hatte schon als Kind die Idee, dass ich gerne mal ganz Afrika sehen möchte. Ich wusste aber auch, dass ich mir weder einen Land Rover leisten konnte noch die technischen Kenntnisse dafür hatte. Dann dachte ich „Okay, ein Fahrrad kann ich mir leisten. Das kann ich unterwegs einfach reparieren, wenn mal was kaputt geht.“ Ich bin dann einfach los. Ich habe mich nicht davon abbringen lassen, sondern hatte beschlossen, mich irgendwo im Busch, im Dschungel oder in der Wüste durchzuschlagen. Ich bin ja dann in der Natur, und das ist wirklich, wo ich sein will.
Du machst gefährliche Unternehmungen. Hast Du auch manchmal Angst?
Am meisten Angst habe ich immer ganz am Anfang meiner Unternehmungen. Zum Beispiel, als ich vor meiner Radtour durch Afrika auf Gibraltar stand und nach Marokko rüber geschaut habe. Da habe ich daran gedacht, dass unterwegs nur Wüsten, Dschungel, Menschen und viele weitere Gefahren auf mich warten. Ich musste an Südafrika denken, und wie weit weg das jetzt für mich war. Mir gingen die vielen Dinge durch den Kopf, vor denen mich die Leute gewarnt hatten: Dass man an Malaria sterben kann, verdurstet oder von Kannibalen aufgefressen wird, und was weiß ich noch alles. Ich habe mir dann aber gesagt: „Ach, die reden alle nur, aber haben es selbst noch nie versucht!“ Ich habe Angst vor etwas Abstraktem, das womöglich in der Realität nicht existiert. Ich habe versucht, die Angst einfach zu ignorieren. Das ist mir auch gelungen.
Wenn sie doch mal da ist: Wie gehst Du mit Angst um?
Ich denke dann nicht an mein Endziel, sondern einfach nur an den nächsten Schritt. Wenn ich mir überlege, dass ich jetzt in Les Sables d’Olonne sitze und einmal ganz die Welt umsegeln möchte, dann ist das verdammt weit. Dieser Gedanke würde mich vielleicht überwältigen. Wenn Du in Etappen denkst, geht es besser.
Du denkst einfach nur an die nächste Etappe, und nicht an das weit entfernte Ziel? Ist das Dein Trick?
Ja, so ist es viel einfacher! Ich bin dann z.B. mit der Fähre von Spanien nach Marokko gefahren und dort fing ich einfach an, Fahrrad zu fahren. Kurz darauf habe ich schon die ersten netten Menschen kennengelernt, und auf einmal waren meine ganzen Ängste weg. Es ist leichter, wenn Du einen Schritt nach dem anderen machst.
So eine Around-the-Globe-Regatta – noch dazu einhand – ist sehr zehrend und sicher hart. Warum tust Du Dir so etwas an?
Ich muss aus meiner Komfortzone heraus, um etwas Befriedigendes erleben zu können. Wenn es zu komfortabel ist, langweile ich mich leicht. Am Anfang ist es immer schwierig, aber nach und nach wird die schwierige Situation zum Alltag. Dann ist egal, dass im Boot alles nass und verschimmelt ist und dass irgendwelche Stürme auf dich zukommen. Oder ich campiere jede Nacht im Busch und setze mich am nächsten Morgen auf mein Fahrrad und fahr einfach weiter. Ich denke dann: „Das ist jetzt mein Leben“, und ich bin zufrieden damit. Irgendwann wird das auch sehr befreiend, denn du hast das ganze Zeug nicht mehr – die Telefone und all das – wovon man meint, es im Alltag zu brauchen. Du hast es dann nicht mehr, und es geht auch – gut sogar!
Gab es Momente, wo du am liebsten aufgegeben hättest? Wie hast du dich dann motiviert und wieder aufgerafft?
Der schwierigste Moment für das Golden Globe Race war für mich nicht die eigentliche Regatta, sondern das Rennen zur Startlinie. Das war teilweise sehr anstrengend: Der finanzielle Druck und der Mediendruck – ob man will oder nicht. Ich konnte nicht einfach anonym bleiben, sondern musste plötzlich auf jeder Plattform sein und mich auch ein bisschen bewerben, und natürlich die Erwartungen anderer Menschen erfüllen. Je näher die Startlinie rückte, desto mehr Menschen hatten mir schon geholfen – finanziell oder anders. Einerseits haben sie mich damit ermutigt und angefeuert, auf der anderen Seite hatten sie dann aber gewisse Erwartungen, dass ich etwas leisten würde. Die hohen Erwartungen der anderen Menschen waren schwierig. für mich. Es gab schon mal Momente, in denen ich dachte: Kann ich das überhaupt? Bin ich dazu in der Lage? Ich habe mir dann gesagt „Hör jetzt auf, so zu denken! Denk nicht an die Startlinie oder gar an das Ziel, sondern nur an den nächsten Schritt!“ Ich habe mir dann überlegt: „Was ist jetzt das Nächste? Was ist das Wichtigste, das ich jetzt am Boot machen muss?“ Oder was ist die nächste Deadline, die ich jetzt erledigen muss? Ich mach dann einen Schritt nach dem anderen, sonst geht es für mich nicht.
Wie bist du mit der vielen Technik, die ein Segelschiff an Bord hat, zurechtgekommen? Bist du ein Technik-Freak?
Das, was mit Bootsbau und Reparateuren zu tun hat, habe ich über die Jahre gelernt, weil man auf dem Ozean schlicht keine andere Wahl hat. Wenn Du auf hoher See bist und etwas kaputt geht, musst Du es einfach reparieren – sonst ist ja niemand da. Da kann man plötzlich Sachen reparieren, die man noch nie zuvor repariert hat und über die man sich vorher noch nie Gedanken gemacht hat. Plötzlich heißt es: „Jetzt muss ich einen Weg finden!“ Den findest Du dann auch, weil es nicht anders geht.
Woher holst Du Dir die Reparatur-Ideen? Über YouTube?
Eher nicht. Wenn du Glück hast, findest du irgendwelche Betriebsanleitungen, z.B. für den Motor. Darin kannst du nachlesen, was schiefgelaufen ist und was zu tun ist. Je öfter du so etwas machen musstest, desto mehr technisches Verständnis bekommst du.
Beim Golden Globe Race hat mir auch geholfen, dass ich für „Minnehaha“ ein komplettes Refit gemacht habe – zu zweit. Das ist etwas anderes als wenn du das auf einer Werft machen lässt. Dann kennst du dein Schiff; du kennst buchstäblich jede Schraube. Dass ich so viel selbst gemacht habe, hat mir viel Confidence gegeben. So wusste ich, wenn etwas schiefgeht, kann ich es wahrscheinlich auch reparieren. Außerdem wusste ich auch, welche Werkzeuge und Ersatzteile ich mitnehmen musste.
Kannst du dir vorstellen, einen 9 to 5-Job und einen Chef zu haben, bis zu Deinem nächsten Abenteuer?
Ich habe noch nicht viele 9-to-5-Jobs gehabt. Als ich 18 war, habe ich vielleicht mal drei oder vier Wochen lang einen Office-Job gehabt – länger ging das nie. Ich war auch ein Jahr lang auf einer Uni, das war dann auch eher 9-to-5.
Was hast Du studiert auf der Uni?
Marinebiologie und Ozeanografie. Ich hätte auch gerne mein Studium abgeschlossen, denn ich mochte die mentale Herausforderung wirklich sehr. Ich hatte dann aber einen Fahrradunfall und konnte anschließend nicht mehr zur Uni gehen. Aber einen 9-to-5-Job, nur damit man Geld verdient… nein, das kann ich mir für mich nicht vorstellen!
Was sind deine nächsten Pläne? Wo wird man dich demnächst in den Medien sehen?
Eigentlich versuche ich, ein bisschen von den Medien weg zu bleiben. Ich war schon immer eher ein anonymer Mensch, war auch noch nie auf Facebook oder Instagram. Aber für die Regatta musste ich das halt. Jetzt ziehe mich eher ein bisschen zurück und lebe mein normales Leben. Meinen Unterhalt verdiene ich, indem ich Schiffs-Überführungen mache oder Segelunterricht gebe, z.B. wenn die Leute Astronavigation lernen wollen oder Begleitung auf der Nordwest-Passage suchen oder so. Ich mache grundsätzlich nur Jobs, die mich interessieren.
Hast Du zum Schluss noch einen Tipp für diejenigen Fondsfrauen, die sich Dinge nicht zutrauen und unter Imposter-Syndrom leiden?
Egal, was Ihr bei den Fondsfrauen macht, es wird nicht viel anders sein als bei technischen Dingen: Durchs Tun wirst du einfach besser in der jeweiligen Sache! Ich kann nur raten, es einfach zu machen! Denk dabei nur an den nächsten Schritt, nicht an das Ziel! So wird es schon klappen!
Herzlichen Dank, liebe Kirsten für dieses erfrischende Gespräch!
Kirsten Neuschäfer hat im März 2026 ihr Buch veröffentlicht: „Alles gut, K.: Golden Globe Race und Meer“.


