Nadine Trautmann ist Vice President und Gruppenleiterin für die ESG-Zielfondsanalyse bei der Deka. Einige haben sie vielleicht auch bei unserem Digitalen Lunch Talk am 19. Mai gesehen, wo sie beim Panel zum Thema „Verliert Nachhaltigkeit an Relevanz?“ mitdiskutiert hat. Heute sprechen wir mit ihr über ihren Karriereweg auf dem Weg zur Gruppenleiterin. Im Interview gibt sie uns auch ein paar ganz praktische und sofort umsetzbare Karrieretipps mit auf den Weg.
Nadine, du bist Vice President und Gruppenleiterin für die ESG-Zielfondsanalyse bei der Deka. Was hat dich ursprünglich in die Finanzwelt geführt – und wann hast du gemerkt, dass ESG und Nachhaltigkeit deine Themen sind?
Mein Weg in die Finanzwelt war eigentlich ziemlich klassisch: Ich war schon immer zahlenaffin und hatte als Teenager ein Sparkonto – ich fand es faszinierend zu sehen, wie Geld arbeitet und wächst. Daraus wurde ein Schülerpraktikum bei der Sparkasse, eine Ausbildung bei der UniCredit und schließlich ein Studium in Banking, Finance und Accounting sowie Management und Leadership.
Bei ESG war es dann ganz anders. Was mich gepackt hat, waren drei Dinge: Erstens die Dynamik – ich könnte nie einen Job machen, in dem ich jeden Tag exakt das Gleiche tue. Zweitens die Notwendigkeit – als ich die ersten Reports des Intergovernmental Panel on Climate Change gelesen habe, war für mich klar: Wir müssen hier etwas tun, es gibt eigentlich keine andere Option. Und drittens der Sinn – ich brauche in allem, was ich tue, einen tieferen Zweck.
ESG vereint für mich Wissenschaft mit Regulatorik und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, eine positive monetäre und nachhaltige Wirkung zu erzielen. Man sieht sehr konkret, wie Kapitalströme gelenkt werden können und wie dadurch realer Impact entsteht – und dass wir als Finanzbranche ein Teil der Lösung sein können.
Du arbeitest täglich mit ESG-Daten, und auch Diversity zählt zum ESG-Themenkranz. Welche Zahl oder Studie über diverse Führungsteams hat dich selbst am meisten überrascht oder überzeugt?
Mich beeindrucken vor allem zwei Zahlen – eine auf Makro-Ebene und eine auf Unternehmensebene.
Auf Makro-Ebene ist es die bekannte McKinsey-Analyse „Power of Parity“: Sie zeigt, dass wir bis zu zwölf Billionen US-Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung generieren könnten, wenn wir die Gleichstellung von Frauen vorantreiben und Frauen stärker in den Arbeitsmarkt integrieren. In einem Vollpotenzial-Szenario, in dem Frauen die gleiche Rolle im Arbeitsmarkt spielen wie Männer, wären es sogar rund 28 Billionen US-Dollar mehr globales BIP.
Auf Unternehmensebene hat mich die MSCI-Analyse zum sogenannten „Tipping Point“ überzeugt: Dort wurden US-Unternehmen über fünf Jahre betrachtet. Firmen, die bereits zu Beginn mindestens drei Frauen im Board hatten, verzeichneten im Median Zuwächse von zehn Prozentpunkten bei der Eigenkapitalrendite und 37 Prozent beim Gewinn je Aktie. Unternehmen ohne Frauen im Board zeigten im gleichen Zeitraum rückläufige ROE- und EPS-Werte.
Wir reden nicht über Symbolik, sondern über harte Effekte. Frauen bringen andere Perspektiven, ein anderes Risikoverständnis und oft eine stärkere Stakeholder-Orientierung ein – und genau das schlägt sich in den Unternehmenszahlen nieder.
Inwiefern ist dein fachlicher Schwerpunkt – Nachhaltigkeit und ESG – auch ein Vorteil für deine Karriere als Frau gewesen?
Ich würde ESG nicht als „Frauenthema“ bezeichnen – das würde weder dem Thema noch den Frauen gerecht.
Für mich persönlich war ESG ein Vorteil, weil es ein junges, dynamisches Feld war und ist, in dem viele neue Stellen entstanden sind und in dem man sehr viel mitgestalten konnte. Natürlich hat das Umfeld geholfen: Regulatorik wie die SFDR und die CSRD hat ESG in den Mainstream gebracht, gleichzeitig gab es einen klaren politischen und gesellschaftlichen Willen, mehr Frauen in Führung zu bringen.
Aber ich würde nicht sagen, dass ESG per se ein Vorteil ist, nur weil ich eine Frau bin. Was geholfen hat, war die Kombination aus zukunftsrelevantem Thema, persönlicher Leidenschaft und einem Umfeld, das Frauen in Führung bewusst fördert.
ESG steht derzeit medial im Gegenwind, manche sprechen sogar von einem Hype, der wieder abebbt. Warum bist du trotzdem überzeugt, dass es sich gerade jetzt lohnt, und möchtest jungen Talenten Mut machen, sich in dieses Themenfeld zu begeben?
Ich bin überzeugt, dass sich gerade jetzt eine Karriere im ESG-Bereich lohnt, weil wir eine entscheidende Übergangsphase erleben: Der frühere Hype weicht einer nüchternen, datengetriebenen Sicht, und damit steigt der Bedarf an Fachleuten, die Substanz statt Schlagworten liefern. Nachhaltigkeit ist längst fester Bestandteil von Regulierung, Risikomanagement und Kapitalanlage, und Unternehmen kommen an Themen wie Klimarisiken, soziale Verantwortung und gute Governance strukturell nicht mehr vorbei. Wer heute einsteigt, baut Erfahrung in dieser „Phase zwei“ von ESG auf – weg vom Marketing, hin zur aktiven Steuerung – und verschafft sich einen Vorsprung in einem Feld, das wirtschaftliche Relevanz mit echter gesellschaftlicher Wirkung verbindet.
Welchen Schritt in deiner Karriere würden andere als mutig bezeichnen – und was hat dich damals dazu bewogen?
Wahrscheinlich würden viele sagen, dass es der Schritt war, die Gruppenleitungsstelle anzunehmen.
Ich kam aus einer Rolle, in der ich mich fachlich extrem sicher gefühlt habe – sieben Jahre Risikomanagement und ESG-Risiken in der Immobilienbranche, sehr gut vernetzt, akzeptiert, vollständig in die Organisation integriert. Dann bin ich bewusst aus dieser Komfortzone gegangen: neue Assetklassen wie gelistete Instrumente und Aktienmärkte, neue Schnittstellen, neue Menschen, dazu die Teamführung.
Am Anfang hat mich das persönlich sehr gefordert. Rückblickend war es genau dieser Schritt, der mich am meisten vorangebracht hat. Für mich ist das die Essenz von Mut: nicht dann zu handeln, wenn alles klar ist, sondern dann, wenn man weiß, dass es richtig ist – auch wenn es sich unsicher anfühlt.
Du sprichst davon, dass Tiefpunkte Wendepunkte sind. Magst du einen solchen Moment aus deiner eigenen Karriere teilen?
Ja, den gab es.
Ich hatte sieben Jahre im ESG-Bereich der Immobilienbranche gearbeitet, war bestens vernetzt, mein ganzes Herz und meine Leidenschaft steckten in diesem Thema. Es ging um eine Position, die ich unbedingt wollte, und ich habe sie nicht bekommen. Heute kann ich sagen: Gott sei Dank! Das weiß man immer erst hinterher. Ich habe einen großartigen Bereich gefunden und bin fachlich und auch menschlich sehr gewachsen. Ich gehe heute jeden Tag mit großer Begeisterung zur Deka, weil ich weiß, dass mich dort etwas erwartet, das mir wirklich Spaß macht. Die Erkenntnis habe ich aber erst im Nachhinein gewonnen. Zu dem Zeitpunkt war das ein echter Tiefpunkt. Aber heute kann ich sagen: Ich habe viel gelernt. Noch wichtiger ist: Ich habe gemerkt, dass mich nicht nur das Fachliche begeistert, sondern vor allem die Mitarbeiterführung. Das größte Geschenk als Führungskraft ist für mich, die Entwicklung der eigenen Mitarbeitenden zu sehen.
Welche Menschen haben dich angetrieben und auch aufgefangen – und wie hast du sie gefunden?
Es waren zwei Personen – und wenn sie das lesen, werden sie wissen, dass sie gemeint sind.
Beide haben mich über Jahre hinweg gefordert und gefördert. Sie haben mir immer vermittelt: „Nadine, du kannst das!“ Gerade im Tiefpunkt haben sie mich begleitet und mir Mut zugesprochen.
Was diese Menschen konkret getan haben? Sie haben mir zugehört. Sie haben mir Chancen gegeben, mir ehrliches, auch kritisches Feedback gegeben und mich nie allein gelassen. Ohne diese beiden Menschen wäre ich nicht da, wo ich heute bin. DANKE!
Gab es Momente, in denen dein Anders-Sein – als Frau, mit deiner Perspektive – zum echten Wettbewerbsvorteil wurde?
Für mich ist Anders-Sein weniger eine Frage von Frau oder Mann, sondern von Persönlichkeit.
Mein persönliches Anders-Sein hat mich definitiv oft weitergebracht. Ich bin sehr vielseitig interessiert und habe eine starke Neugier: Ich will Dinge verstehen, durchdringen, strukturieren und einen echten Mehrwert schaffen.
Dazu kommt, dass ich sehr gut vernetzen kann – sowohl Inhalte als auch Menschen. Ich glaube, genau diese Kombination aus Neugier, Struktur, Empathie und Interesse an Menschen und Inhalten sowie Vernetzung und Kommunikation hat mich in meine heutige Führungsrolle gebracht.
Hast du schon mal einen abfälligen Spruch – als Frau – im beruflichen Kontext bekommen? Und was hast du geantwortet?
Einen wirklich abfälligen Spruch mir persönlich gegenüber habe ich zum Glück nicht erlebt.
Ich glaube, das hat zwei Gründe. Zum einen legen wir bei der Deka großen Wert auf eine wertschätzende Kommunikation. Zum anderen kennen mich meine Kolleginnen und Kollegen: Wenn mir jemand einen „lustigen“ Spruch rüberspielt, bekommt er den Ball ziemlich direkt retourniert.
Insgesamt erlebe ich das Umfeld als sehr respektvoll und halte es für wichtig, dass wir diese Kultur aktiv verteidigen.
Was hat letztlich den Unterschied gemacht auf dem Weg zur Gruppenleitung? War es eine Entscheidung, ein Moment, eine Person?
Es war nie nur ein Faktor – es war das Zusammenspiel.
Fachlich war es die Tiefe im Thema Nachhaltigkeit. Dann die bewusste Entscheidung, aus der Komfortzone herauszugehen und Verantwortung für ein Team und für neue Assetklassen zu übernehmen. Und dann eben die Menschen, die mich unterstützt haben.
Am Ende war es dieses Zusammenspiel aus eigener Entscheidung, fachlicher Substanz, Mut und den richtigen Menschen an meiner Seite.
Du bist heute selbst Mentorin. Was gibst du weiter – und was hättest du dir früher gewünscht, dass dir jemand gesagt hätte?
Ich gebe vor allem zwei Dinge weiter:
Erstens: Wenn dich jemand fragt, ob du etwas machen kannst – sag ja, außer es ist wirklich eine Aufgabe, die dir gar keinen Spaß macht.
Zweitens: Sei mutig, zeig dich, geh voran. Du hast mehr Werkzeuge dabei, als du selbst glaubst. Und: Bleib bei deiner Identität!
Was ich mir früher gewünscht hätte zu hören? So etwas wie: „Es läuft gar nicht so schlecht, Nadine. Mach weiter, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt – du wirst den Erfolg sehen.“
Du bist Gruppenleiterin. Was ist deine eine, persönlichste Botschaft an eine junge Frau, die heute ihre Karriere in der Finanzwelt beginnt?
Meine Botschaft ist: Trau dich. Such dir ein Thema, für das du wirklich brennst – nicht das, was nur im Lebenslauf gut aussieht, sondern das, wo dein Herz drin steckt. Steh zu deiner Identität, auch wenn sie nicht in jede Schablone passt.
Glaub nicht, dass du dich kleiner machen oder anpassen musst, um erfolgreich zu sein. Die größten Erfolge entstehen dort, wo Leidenschaft, Authentizität und Mut zusammenkommen.
Und: Du musst das nicht alleine schaffen. Such dir Menschen, die dich fordern und fördern, die dich ehrlich spiegeln und in schwierigen Momenten hinter dir stehen. Und werde mit der Zeit selbst genauso eine Person für andere.
Kannst du uns das kurz zum Mitnehmen geben?
Ja klar, hier gerne in Kurzform:
- Mut ist eine bewusste Entscheidung – Angst ist normal, aber Handeln ist möglich.
- Tiefpunkte sind Wendepunkte – mit den richtigen Menschen an deiner Seite.
- Leidenschaft schlägt Perfektionismus – finde, was dich wirklich antreibt.
- Authentizität ist deine Stärke – Anders-Sein macht dich wertvoll, nicht austauschbar.
- Die Zahlen sprechen für uns – wir sind keine Quote, sondern messbarer Erfolgsfaktor.
- Sei die Person für andere, die du selbst gebraucht hast.
- Du kannst alles schaffen!
Super, vielen Dank für dieses Interview, Nadine!
Foto: Nadine Trautmann


