Dr. Birgit Happel ist Finanzsoziologin und setzt sich für wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen, Gleichstellung und finanzielle Soziale Arbeit ein. Gemeinsam mit dem Institut für Finanzdienstleistungen (iff) führt sie dazu aktuell ein Forschungsprojekt durch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Weil Frauen in einer Partnerschaft meistens den größeren Teil der Care-Arbeit übernehmen, gerät Bezahl-Arbeit oft in den Hintergrund. Dadurch geraten sie häufiger als Männer in ein finanzielles Abhängigkeitsverhältnis.
  • Es ist wichtig, sich in einer Partnerschaft schon früh und strategisch mit Budgetplanung, Vermögensaufbau und Alterssicherung auseinanderzusetzen.
  • Partnerschaftlichkeit heißt, dass auch Verantwortung geteilt wird. Hier steht die Frage im Raum, wie Erwerbs- und Sorgearbeit fair aufgeteilt werden können.
  • Es ist wichtig, dass beide Partner wissen, welche Verträge und Versicherungen bestehen und wo die entsprechenden Unterlagen abgelegt sind.
  • Die Rollenverteilung in der Partnerschaft wirkt sich direkt auf die Finanzen aus. Wenn Frauen lange in Teilzeit gearbeitet oder längere Zeit Care-Verantwortung übernommen haben, müssen sie besonders darauf achten, dass ihre Renten- und Versorgungslücken kompensiert werden.
  • Frauen sind bei der Geldanlage oft sehr sicherheitsorientiert. Aber auch in den privaten Lebensentscheidungen schlummern Risiken. Ein oft unterschätztes Risiko ist es, die Finanzen zu delegieren.
  • Frauen sollten jederzeit die Kontrolle über ihre finanzielle Situation behalten, damit sie handlungsfähig bleiben, selbst wenn sich die Lebensumstände verändern.

Dr. Birgit Happel ist Finanzsoziologin und Inhaberin der Portale Geldbiografien® und Finanzbiografien. Sie promovierte zum Thema „Geld und Lebensgeschichte“ und setzt sich für wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen, Gleichstellung und finanzielle Soziale Arbeit ein. Als ehemalige Wertpapierberaterin einer Großbank verbindet sie Kapitalmarkterfahrung mit Engagement für finanzielle Bildung, Vermögensaufbau und Prävention von Frauenarmut. Wir sprechen mit ihr über das Thema finanzielle Gewalt, das überwiegend Frauen betrifft.

Birgit, Ihr forscht am iff Hamburg zum Thema finanzielle Gewalt. Magst du uns kurz abholen und sagen, um was es da geht?

Ja gern. In dem Forschungsprojekt beschäftigen wir uns mit finanzieller Gewalt gegen Frauen. Dieses Thema ist noch viel zu wenig sichtbar und bisher auch kaum empirisch untersucht. Dabei geht es zum Beispiel darum, dass Frauen in Partnerschaften nur eingeschränkten Zugang zu Geld haben, nicht frei über ihr eigenes Einkommen verfügen können oder ihre finanzielle Abhängigkeit ausgenutzt wird.

Gemeinsam mit Dr. Cornelia Chadi vom Institut für Finanzdienstleistungen (iff) untersuche ich, wie solche Dynamiken entstehen und wie Prävention und Unterstützung besser gelingen können. Dazu führen wir unter anderem qualitative Interviews und Fokusgruppen mit betroffenen Frauen sowie mit Fachkräften aus Beratung und sozialer Arbeit durch. Außerdem schauen wir, welche Rolle finanzielle Bildung und Finanzdienstleistungen als Schutzfaktoren spielen können. Damit sind wir auch bei der Frage nach einer geschlechtersensiblen Finanzberatung.

Brauchen Frauen denn eine spezielle Finanzberatung?

Statistisch betrachtet sind Frauen häufiger von der Lohnlücke, der Rentenlücke und von Teilzeitfallen betroffen. Sie übernehmen weiterhin einen Großteil der unbezahlten Arbeit und nehmen dafür Teilzeit- oder Erwerbsunterbrechungen in Kauf. Dabei tragen sie die langfristigen Folgen für Einkommen, Vermögensaufbau und Alterssicherung oft allein. Das heißt, sie haben ein deutlich höheres Risiko für Altersarmut. Deshalb ist es wichtig, sich schon früh und strategisch mit Budgetplanung, Vermögensaufbau und Alterssicherung auseinanderzusetzen.

Wie sollte eine Finanzberatung für Frauen aussehen?

Eine Finanzberatung, die solche strukturelle Rahmenbedingungen nicht mitdenkt, bleibt unvollständig und läuft Gefahr, bestehende Ungleichheiten zu reproduzieren. Es braucht im Grunde keine spezielle Frauenfinanzberatung, sondern eine geschlechtersensible, lebensphasenorientierte Beratung. Es geht darum, reale Erwerbsverläufe, Care-Verantwortung und Machtverhältnisse in Partnerschaften mitzudenken. Fragen von Verfügungsmacht, Eigentum und Absicherung sollten nicht erst im Krisenfall gestellt werden.

Auf der anderen Seite brauchen wir keine Beratung, die mit Angst arbeitet und Frauen in überteuerte oder unpassende Produkte drängt. Wer Menschen verunsichert, stärkt nicht ihre Selbstwirksamkeit, sondern fokussiert den Produktverkauf. Ich finde, dass eine gute Finanzberatung vertrauensbasiert und struktursensibel sein sollte, gerade was die ökonomische Situation von Frauen angeht. Wenn die Rahmenbedingungen ausgeblendet werden, besteht die Gefahr, strukturelle Probleme zu individualisieren.

Was Du zur Finanzberatung gesagt hast, gilt das auch für Finanzbildungsangebote?

Ja, hier gilt das Gleiche. Sie sind nicht automatisch emanzipatorisch und die Qualität sowie das Preis-Leistungsverhältnis unterscheiden sich stark. Auch hier sollten Frauen genau prüfen: Wie ist das Geschäftsmodell aufgebaut, welche fachliche Qualifizierung und Legitimation ist gegeben, geht es wirklich um Kompetenzaufbau, oder steckt eher verdeckter Vertrieb dahinter?

Eingangs hast Du die Rentenlücke angesprochen. Hast Du Tipps, wie sich die am besten partnerschaftlich schließen lässt?

Um sie schließen zu können, sollten wir sie zuerst einmal sichtbar machen. Viele Paare reden viel zu selten über Altersvorsorge, Vermögen oder die finanziellen Folgen von Teilzeit und Care-Arbeit. Dabei ist es wirklich wichtig, dass beide wissen, wo sie stehen, welche Lücken sich langfristig ergeben und warum.

Partnerschaftlichkeit heißt, dass auch Verantwortung geteilt wird. Hier steht natürlich in erster Linie die Frage im Raum, wie die Erwerbs- und Sorgearbeit fair aufgeteilt werden kann. Gerade Paare mit Kindern sollten gemeinsam klären, wer wie viel in die Altersvorsorge einzahlt, wie die Rentenansprüche gesichert werden können und welche finanziellen Risiken abgesichert werden müssen. Im Krisenfall sollte keiner von beiden überrumpelt werden oder sogar existenzielle Sorgen haben.

Dazu sollten frühzeitig Geldgespräche stattfinden und auf Augenhöhe geführt werden. Dann kann die Altersvorsorge zu einem gemeinsamen Projekt werden, das Sicherheit für beide Seiten schafft.

Was ist bei einer Scheidung finanziell für Frauen wichtig?

Hier ist es wichtig, dass Frauen einen klaren Überblick über ihre finanziellen Ansprüche und Risiken  haben. Das fängt schon viel früher an, nämlich zu wissen, welche Verträge und Versicherungen bestehen und wo die entsprechenden Unterlagen abgelegt sind. Leider wissen noch zu viele Frauen nicht genau, wie Rentenansprüche, Unterhalt oder gemeinsame Vermögenswerte aufgeteilt werden.

Was sollten Frauen im Vorfeld tun, solange die Beziehung in Takt ist?

Über all diese Themen sollte rechtzeitig Klarheit geschaffen werden. Im Idealfall natürlich, schon lange bevor Konflikte entstehen. Die Rollenverteilung in der Partnerschaft wirkt sich direkt auf die Finanzen aus. Wenn Frauen lange in Teilzeit gearbeitet oder längere Zeit Care-Verantwortung übernommen haben, müssen sie besonders darauf achten, dass ihre Renten- und Versorgungslücken kompensiert und ausgeglichen werden.

Auch die eigene Geldbiografie spielt eine Rolle. Wenn ich meine persönliche finanzielle Geschichte kenne, kann ich bewusst Strategien entwickeln, um selbstbestimmt und sicher mit Geld umzugehen und gegebenenfalls entgegenwirken, wenn ich merke, das Thema Finanzen läuft mir aus dem Ruder. Budget, Konten, Eigentum und Verbindlichkeiten sollten in der Partnerschaft immer transparent sein. Frauen sind bei der Geldanlage ja oft recht sicherheitsorientiert. Aber in den privaten Lebensentscheidungen schlummern auch Risiken. Vor allem ist es ein unterschätztes Risiko, die Finanzen zu delegieren. Frauen sollten jederzeit die Kontrolle über ihre finanzielle Situation behalten, damit sie handlungsfähig bleiben, selbst wenn sich die Lebensumstände verändern.

Das Thema gewinnt gerade zusätzlich an Bedeutung, weil die Bundesregierung aktuell an der nationalen Finanzbildungsstrategie arbeitet. Auch hier ist es wichtig, dass strukturelle Fragen wie Rollenverteilung und Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden.

Vielen Dank, Birgit, in diese Einblicke in das Thema finanzielle Gewalt!

Dr. Birgit Happels Buch »Auf Kosten der Mütter« beleuchtet Opportunitätskosten von Mutterschaft und ermutigt Frauen zu finanzieller Selbstbestimmung. Für ihre Pionierarbeit wurde sie in das Netzwerk „Bayerns Frauen“ aufgenommen und ist Expertin in der Initiative Finanzielle Bildung der Bundesregierung. Seit 2018 ist sie im Vorstand des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz (PNFK) e.V. aktiv.

Wer mehr erfahren möchte zum neuen Forschungs- und Transferprojekt „Finanzielle Gewalt sichtbar machen“, das Birgit angesprochen hat, wird hier fündig: https://www.iff-hamburg.de/2026/02/12/finanzielle-gewalt/

Foto: Alexandria Singler

Profilbild von Anke Dembowski

Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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