Frauen in Afghanistan haben ganz andere Herausforderungen als Frauen in Europa. Wir wollten mehr über Frauen in Afghanistan und ihr Leben erfahren. Dazu sprechen wir mit Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins e.V. in Hamburg.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit der Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban am 15. August 2021 sind von der Regierung über 100 Erlasse gekommen, die die Rechte von Frauen und Mädchen einschränken
- Mädchen in Afghanistan dürfen nur noch die Schuljahre 1 bis 6 besuchen. Danach dürfen sie keine weiterführende Schul- oder Berufsausbildung machen und keinen Beruf ergreifen.
- Viele Frauen dürfen das Haus nur noch in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen und für viele öffentliche Angelegenheiten werden sie alleine nicht mehr vorgelassen und brauchen einen männlichen Fürsprecher.
- Eine Studie vom August 2025, durchgeführt von UNWOMEN zeigt, dass 92% aller Befragten das Bildungsverbot nicht befürworten und sich wünschen, dass Schulen und Universitäten für Frauen und Mädchen wieder geöffnet werden.
- Die NATO hat während ihres Einsatzes zumindest in den Städten für Mädchen und Frauen viel erreicht. In den ländlichen Gebieten haben Frauen jedoch auch in den NATO-Jahren Burka getragen und waren auf die Haus- und Feldarbeit reduziert.
- Besorgniserregend ist, dass körperliche Strafen in Afghanistan nicht mehr verboten sind, insbesondere gegenüber Frauen.
- Frauen und Mädchen in Afghanistan haben viel Kreativität und Langmut, sich öffnende Möglichkeiten bestmöglich für sich zu nutzen. Formen des Protests sind jedoch ganz anders als in westlichen Ländern.
Während sich die Fondsfrauen mit den Karrierechancen für Frauen in Europa befassen, haben Frauen in Afghanistan ganz andere Herausforderungen. Wir wollen mehr über die Frauen in Afghanistan erfahren und sprechen darüber mit Christina Ihle. Sie ist Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins e.V. in Hamburg, den die Fondsfrauen unterstützen.
Frau Ihle, wie geht es den Frauen in Afghanistan zurzeit?
Nicht gut. Seit der Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban am 15. August 2021 sind von der Regierung über 100 Erlasse gekommen, die die Rechte von Frauen und Mädchen einschränken. Parallel hat sich seit August 2021 in rasender Geschwindigkeit eine dramatische humanitäre Krise entwickelt, so dass in Afghanistan heute etwa 23 Mio. Menschen auf Überlebenshilfe angewiesen sind – bei einer Einwohnerzahl von rund 49,5 Millionen. Beides hat verheerende Konsequenzen für das Leben von Frauen vor Ort.
Welche Einschränkungen erleben Mädchen und Frauen jetzt konkret?
Beispielsweise dürfen Mädchen nur noch die Grundschule und Schuljahre 1 bis 6 besuchen. Danach dürfen sie keine weiterführende Schul- oder Berufsausbildung machen und keinen Beruf ergreifen. Das nimmt 50% der Bevölkerung ihre Zukunfts-Chancen und vielen Familien ihr Einkommen. Viele Frauen haben vor der Talibanzeit in Behörden oder Banken gearbeitet und mit ihrem Gehalt ihre Großfamilie ernährt.
Frauen haben also zum Familienwohlstand beigetragen?
Ja, in Afghanistan ist die Gesellschaft anders strukturiert als hierzulande. Dort kommt das Wir vor dem Ich als Individuum. Dazu gehört auch, dass diejenigen, die ein Gehalt verdienen, die Großfamilie mittragen. Das Arbeitsverbot für Frauen hat deshalb viele Familien in extreme Armut abrutschen lassen. Kaum noch eine Frau kann arbeiten; Ausnahmen gelten für den medizinischen Bereich und für Grundschulen. Nur hier dürfen Frauen noch tätig sein. Ansonsten sind Frauen in Afghanistan aus dem öffentlichen Leben inzwischen weitestgehend verbannt. Viele dürfen das Haus nur noch in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen und für viele öffentliche Angelegenheiten werden sie alleine nicht mehr vorgelassen und brauchen einen männlichen Fürsprecher. Die Taliban rechtfertigen dies einerseits religiös durch eine radikale Interpretation der Scharia und auch mit einer angeblich fehlenden Sicherheit für Frauen in der Öffentlichkeit.
Wie steht die Bevölkerung zu diesen Erlassen?
Eine Studie vom August 2025, durchgeführt von UNWOMEN unter 2.000 Männern und Frauen im städtischen und ländlichen Raum zum Beispiel zeigt, dass 92% aller Befragten das Bildungsverbot nicht befürworten und sich wünschen, dass Schulen und Universitäten für Frauen und Mädchen wieder geöffnet werden. Viele Männer begründeten dies auch religiös, Bildung sei eine heilige Pflicht, festgeschrieben im Koran, die auch Frauen und Mädchen ermöglicht werden muss. Zudem hat die städtische Bevölkerung in den letzten 20 Jahren erlebt, wieviel Frauen bewirken können, wenn sie ausgebildet sind: Frauen mit Schulbildung bekommen weniger Kinder, schauen auf die Gesundheit ihrer Kinder und sorgen dafür, dass alle zur Schule gehen. Außerdem tragen gut ausgebildete Frauen auch zum Familieneinkommen bei. Dadurch hatte sich bis 2021 in Städten eine mittelständische Schicht gebildet. Nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 und dem Arbeitsverbot für Frauen ist diese Mittelschicht wie weggefegt. Das Gros der Bevölkerung ist also für einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Ausbildung und trägt die meisten Erlasse nicht mit.
Die NATO war in der Zeit von 2001 bis 2021 in Afghanistan präsent. Das sind immerhin 20 Jahre. Ist es in dieser Zeit nicht gelungen, stabile Strukturen aufzubauen, die Frauen essenzielle Rechte wie Bildung, Vermögensaufbau und Selbstbestimmung nachhaltig sichern?
Leider nein, und das ist nach 20 Jahren wirklich erstaunlich. Nach der Machtübernahme der Taliban wurde deutlich, dass selbst nach 20 Jahren 75% des afghanischen Staatshaushalts international finanziert war – etwa auch der Beamtenapparat, viele Behörden und das gesamte Gesundheitssystem. Die NATO-Länder haben es 20 Jahre lang verpasst, das Land in unabhängige, nachhaltige Strukturen zu bringen. Dazu hat die Enquete-Kommission des deutschen Bundestages einen sehr ehrlichen Bericht veröffentlicht. Als Quintessenz steht dort: Deutschland war als NATO-Partner in Afghanistan in der Pflicht, weil man den Irak-Krieg nicht mit unterstützt hatte. Als Bündnispartner hat man uneingeschränkt die Afghanistanstrategie der USA unterstützt. Entsprechend lag der Fokus der Bemühungen schnell auf der US-Mission „Enduring Freedom“, der Unterbindung terroristischer Gewalt. Der Fokus Frauenrechte zu fördern und nachhaltig zu etablieren war oft nur eine öffentliche Rechtfertigung der eigenen Präsenz im Land. Aber die Bekämpfung radikaler Gruppierungen wie der Taliban hat nicht funktioniert. In einigen Regionen konnten sie 50% der Macht behalten. Insofern war das Land nie wirklich befriedet, auch nicht in den 20 Jahren der NATO-Präsenz.
Was konnte die NATO in den 20 Jahren ihres Einsatzes für Frauen und Mädchen erreichen?
Zumindest in den Städten wurde für Mädchen und Frauen viel erreicht. Sie waren ins Gesundheits- und Bildungssystem integriert, hatten Zugang zu Schulen und Universitäten und zur Berufstätigkeit. Dies gelang allerdings nur in den Städten, kaum in den ländlichen Gebieten. Auf dem Lande ging es weiter sehr traditionell zu. In vielen unserer Einsatzregionen haben Frauen auch in den NATO-Jahren Burka getragen und waren auf die Haus- und Feldarbeit reduziert.
Was ist nach dem 15. August 2021 passiert?
Das Taliban-Regime hat direkt nach der Machtübernahme das durch die NATO etablierte Frauenministerium durch ein Sittenministerium ersetzt. Nach und nach wurden über 100 Erlasse verabschiedet, die die Rechte von Mädchen und Frauen gezielt einschränken. Zuletzt, im Januar 2026, etwa ein neues Strafgesetzbuch, das Menschen in Afghanistan in 4 Strafkategorien eingeteilt: Erst kommen die religiösen Führungskräfte, danach Beamte und Handwerker. In die 4. Kategorie fallen ethnische Minderheiten und Frauen. Für die gleiche Missetat fallen Strafen unterschiedlich aus, je nach Kategorie. In Afghanistan sind körperliche Strafen nicht mehr verboten, insbesondere gegenüber Frauen. Das ist extrem besorgniserregend.
Wie werden diese Erlasse in der Praxis umgesetzt?
Regional zum Glück noch sehr unterschiedlich. Aber landesweit wurde eine Sittenpolizei eingeführt, die immer präsenter wird und Verletzungen der eingeführten Richtlinien streng bestraft. Darüber hinaus haben die Taliban ein sehr wirksames Prinzip eingeführt: Es bestraft bei Fehlverhalten nicht die Frauen, sondern ihre männlichen Familienoberhäupter, beispielsweise wenn die Frau nicht adäquat gekleidet ist. Keine Frau möchte, dass ihr Ehemann, Vater oder Bruder ihretwegen bestraft wird. Daher leben Frauen ständig in Angst etwas falsch zu machen, und ihre Männer teilen diese Angst.
Welche Benachteiligungen erfahren Frauen noch, außer dass sie von der Bildung abgeschnitten sind und für sie strenge Sittenvorschriften gelten?
Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht das Wort ergreifen. Sie dürfen beispielsweise keine Vorträge halten. Die Taliban hatten 2025 sogar versucht, das Internet abzuschalten. Als die Wirtschaft – vor allem das Geld- und Bankensystem – nach zwei Tagen Internet-Sperre zu kollabieren drohte, hat man es wieder angeschaltet. Doch soziale Medien, wie Instagram, TicToc und Twitter sind in Afghanistan nicht mehr nutzbar, die Online-Kommunikation wird überwacht. Das verändert die Ausdrucksmöglichkeiten, die die Menschen, und insbesondere Frauen, im Land haben. Einige Frauen schaffen es noch, zu posten und zu schreiben, aber es wird enorm erschwert und ist gefährlich.
Offiziell darf in Afghanistan auch keine Musik gehört oder getanzt werden. Das gilt für Männer wie für Frauen. Wie streng diese Verbote verfolgt und geahndet werden, ist aktuell regional noch sehr verschiedenen, das neue Sittengesetz wird also noch nicht stringent umgesetzt. Aber es ist da.
Wie kam es dazu, dass die Rechte der Frauen in einem Rutsch so dezimiert wurden? Was können Frauen in Afghanistan dagegen tun? Im Iran haben die Frauen beispielsweise protestiert und sind auf die Straße gegangen. Wie sieht das in Afghanistan aus?
Straßenproteste sind eine sehr westliche Form des Protests. Hierzulande wirkt das, weil Politiker von der Wählergunst abhängig sind. In autokratischen Strukturen funktioniert das selten. Auch sind Straßenproteste eine sehr städtische Form des Widerstandes. Der Iran ist ein urbanes Land, während Afghanistan zu 80 Prozent ländlich geprägt ist. In den afghanischen Städten gab es bei Universitätsschließungen 2022 durchaus Protestmärsche von Studentinnen und jungen Frauen. Aber die Strafen für die Protestierenden sind drakonisch. Also revoltieren Frauen in Afghanistan eher mit stillen Taten als mit Worten und in großer Solidarität miteinander. Viele Frauen unterrichten beispielsweise ältere Mädchen in ihren Häusern. Es gibt Unternehmerinnen, die gemeinsam mit anderen Frauen erfolgreich im Privaten Geschäftsideen umsetzen. Sie alle nehmen dabei große Gefahren auf sich, denn der Geheimdienst ist allgegenwärtig.
Kann man mit Taliban-Vertretern verhandeln?
Das können am effektivsten die Dorfältesten auf regionaler Ebene. Man muss wissen, dass die afghanische Gesellschaft weiterhin patriarchalisch geprägt ist. Die Entscheidungsgewalt in einem Dorf etwa ist einem rein männlich besetzten Ältestenrat vorbehalten, die auch mit den Taliban verhandeln. Diesen Ältestenräten war es zum Beispiel in acht Provinzen Afghanistans zwischen 2021 und 2022 gelungen auszuhandeln, dass Mädchen in ihren Provinzen bis zur 12. Klasse weiter in die Schule gehen durften. Das wurde durch das Landesoberhaupt, den Emir, am 24. Dezember 2022 leider gestoppt. Doch das zeigt, dass es schon manchmal möglich ist, mit lokalen Taliban Spielräume für Mädchen und Frauen zu erweitern. Im März 2024 zum Beispiel durften plötzlich einige medizinische Ausbildungsinstitute wieder für Frauen öffnen, weil der Fachkräftemangel in Krankenhäusern zu groß wurde. Auch diese Errungenschaft wurde nach zwei Semestern wieder landesweit gestoppt. Aber schließt sich ein Fenster, öffnet sich oft ein anderes und Frauen und Mädchen in Afghanistan haben viel Kreativität und Langmut, solche Fenster bestmöglich für sich zu nutzen. Das ist anstrengend, oft frustrierend, aber ihre fortlaufende Art ihres Einsatzes für eine bessere, gleichberechtigte Zukunft.
Haben afghanische Frauen zumindest im Haus das Sagen?
Ja, traditionell haben Frauen eine sehr respektierte Rolle in der afghanischen Familie. Je älter eine Frau ist, desto höher ist der Respekt, der ihr in der Familie entgegengebracht wird und auch ihre Möglichkeit zur Mitsprache und Mitentscheidung. Je jünger eine Frau oder ein Mädchen ist, desto schwieriger hat sie es.
Können sich Mädchen zumindest über das Internet weiterbilden?
Nur 20% der afghanischen Bevölkerung lebt in den Städten, 80% auf dem Lande. In den Städten gibt es Strom und Internet, auf dem Land leider sehr oft nicht. Das macht das Online-Lernen zuhause für viele afghanische Mädchen zu einer großen Herausforderung Aber es gibt phantastische Online-Akademien, die das afghanische Schul-Curriculum der Klassen 7-12 für afghanische Mädchen in Video-Unterrichtsstunden auf Dari und Paschtu anbieten, inklusive Zwischen- und Jahresabschlussprüfungen. Damit wird es afghanischen Mädchen ermöglicht, zuhause weiter zu lernen und einen international anerkannten Schulabschluss zu erwerben. Aber sie brauchen dafür Strom, Internet und Zugang zu einem mobilen Endgerät.
Wie sieht es aus mit der medizinischen Versorgung von Frauen?
Besorgniserregend. Frauen dürfen in Afghanistan nur von Frauen medizinisch behandelt werden. Und wenn Frauen nicht studieren dürfen, fehlt es am Nachwuchs aller benötigten medizinischen weiblichen Fachkräfte. Schon heute spüren wir in unseren neun Mutter-Kind-Kliniken den Fachkräftemangel. Es ist sehr schwer, gute Ärztinnen und Hebammen zu finden. Und jedes Jahr wird es schwieriger. Bei der Bildung ist es ähnlich: Mädchen dürfen in Grundschulen nur von Lehrerinnen unterrichtet werden, auch hier werden gut ausgebildete Kräfte immer seltener.
Wie agiert Ihr mit dem Afghanischen Frauenverein aus Hamburg heraus in Afghanistan? Das scheint ja ein schwieriges Unterfangen zu sein.
Unser Büro in Hamburg ist vergleichsweise klein, mit acht Personen und 12 sehr engagierten Ehrenamtlichen. Es koordiniert die Spenden- und Fördermittelverwaltung, die Projektplanung, das Monitoring und vor allem das Controlling und die Finanzen unserer Projekte in Afghanistan. In Afghanistan allerdings haben wir über 350 lokale Kolleginnen und Kollegen, 60% von ihnen sind Frauen. Sie leisten den wichtigen und mutigsten Part unserer Arbeit: die zuverlässige Projektumsetzung vor Ort. Auf jeden und jede einzelne Kollegin sind wir sehr stolz. Sie arbeiten teils seit 30 Jahren mit uns, und sie alle nehmen viele Gefahren auf sich, um unsere Projekte umzusetzen. Morgens zwischen 6 Uhr und 13 Uhr ist ein Teil unseres Hamburger Büros mit Kopf, E-Mail und Telefon in Afghanistan. Wir besprechen die Teameinsätze und alles, was vor Ort ansteht. Ab 13 Uhr sind wir dann für unsere Aufgaben in Deutschland im Einsatz. Etwa zwei Monate im Jahr sind wir selbst in unterschiedlicher Besetzung in Afghanistan. Das ist sehr wichtig, um die nächsten Schritte auf Basis der sich schnell verändernden Realitäten vor Ort gut zu planen und vieles lässt sich persönlich vor Ort natürlich einfach am besten lösen.
Wie können Frauen in Afghanistan Vermögen bilden? Können Sie z.B. ein Konto bei einer Bank führen? Oder wie behelfen sie sich?
Frauen alleine können in Afghanistan inzwischen kaum mehr agieren. Für die Eröffnung eines Bankkontos brauchen sie die Unterschrift eines männlichen Angehörigen. In vielen Regionen dürfen Frauen auch nicht erben, obwohl die Taliban-Regierung dies offiziell gestattet. Weil Frauen auf Ämtern aber alleine kaum Gehör finden, ist es für sie sehr schwierig geworden, eigenständig Vermögen zu bilden, zu verwalten, oder einzuklagen, falls es ihnen von anderen Parteien verwehrt wird.
Es gibt in Afghanistan noch das System des Brautpreises. Das läuft unterschiedlich je nach Angehörigkeit zu einer der 54 verschiedenen Volksgruppen im Land. Für eine Hochzeit muss die Familie des Bräutigams oft große Summen aufbringen. Die Familie der Braut erhält dann nicht nur Bargeld, sondern auch mal einen Kühlschrank oder Stoffe als Aussteuer für die Frau. Das bringt nicht nur Positives: Je ärmer eine Familie ist, desto früher sieht sie sich gezwungen, zum Überleben der Großfamilie eines ihrer Mädchen zu verheiraten – inzwischen auf dem Land nicht selten schon mit 11-13 Jahren. Weil junge Männer den üblichen Brautpreis nicht aufbringen können, werden sehr junge Mädchen teils mit sehr alten Männern verheiratet – mit allen Gefahren, die dies für das Mädchen birgt.
Afghanische Frauen sind ja auch Mütter. Erziehen sie ihre Jungs zu Machos? Woher kommt die frauenfeindliche Haltung vor Ort?
Es ist wichtig, die afghanische Bevölkerung nicht mit den radikal-islamischen Taliban und ihrem Frauenbild gleichzusetzen. Viele der radikalen Taliban wurden in den 90er Jahren in Pakistan ausgebildet. In diesen Ausbildungslagern gab es keine Frauen. Entsprechend verzerrt ist das Frauenbild, das Grundlage ihrer Ideologie wurde.
Warum verhelfen die Männer in Afghanistan ihren Frauen nicht zu einem unbeschwerteren Leben? Vielleicht lieben sie ja ihre Frau, oder vielleicht haben sie Töchter, denen sie ein gutes Leben wünschen.
Aber natürlich. Ich kenne keinen Familienvater in Afghanistan, der seinen Töchtern und seiner Frau nicht das Beste wünscht und alles tut, um das Leben seiner Familie zu erleichtern und zu verbessern. Erinnern wir uns an die Studie von UNWOMEN: Über 88 Prozent der befragten Männer wünschen sich, selbst in sehr abgelegenen ländlichen Regionen, Bildung und Ausbildung für ihre Töchter und natürlich alles, was das Leben ihrer Frauen einfacher macht. Wir erleben dies täglich in unseren fünf Schulen und neun Kliniken. Es ist bewegend, was Väter alles auf sich nehmen, um ihren Töchtern wenigstens die sechs möglichen Grundschuljahre zu ermöglichen und ihre Frauen zu schützen und zu unterstützen. Medien ist das aber natürlich keine Schlagzeile wert, deswegen hört man in Deutschland wenig darüber.
Wie funktionieren denn Partnerschaften bzw. Ehen in Afghanistan?
Ehen sind in Afghanistan normalerweise – wie auch in Indien – durch die Familien und Eltern der Eheleute arrangiert und teils seit vielen Jahren verabredet, bis die Kinder ins heiratsfähige Alter kommen. Viele Eheleute kennen sich dadurch bereits von Kindesbeinen an. Das sorgt auch für eine andere Paar-Struktur. Auch hier geht es stets um das Wir, um das Zusammenhalten der Klein- und Großfamilie als wichtigste und schützende soziale Einheit. Allein als Individuum ist es in einem so herausfordernden Lebensumfeld wie Afghanistan kaum möglich zu bestehen. Man braucht einander. Eheleute versuchen deshalb bestmöglich zu einem guten Team zusammenzuwachsen, um die vielen kleinen und großen Herausforderungen des afghanischen Alltags irgendwie zu meistern. Ich kenne viele afghanische Ehen, denen dies phantastisch – und in großer gegenseitiger Liebe – gelingt. Die Großfamilie hat dabei stets eine wichtige unterstützende Verantwortung und moderiert bei Problemen. Paare sind bei Problemen also nicht auf sich allein zurückgeworfen, wie es bei uns manchmal der Fall ist, sondern werden im Idealfall durch die Großfamilien aufgefangen.
Was ist der größte Wunsch einer afghanischen Frau im Alltag? Was würde ihr Leben merkbar verbessern?
Wenn wir danach fragen, sagen die meisten Befragten – Frauen wie Männer – Frieden. Im Februar 2026 hat Pakistan Afghanistan den Krieg erklärt. Seitdem gibt es immer wieder Kämpfe und Drohnenangriffe. Zuletzt starben in Kabul bei einem Angriff auf eine Klinik über 250 Menschen. Aber auch während der NATO-Zeit war das Leben auf dem Land oft im Kriegs-Zustand. In unseren Schulen in Kunduz und Ghazni mussten wir jedes Jahr Einschusslöcher kitten, auch zur NATO-Zeit. Frieden und Sicherheit für sich und die eigene Familie gehört deshalb zu dem größten Wunsch von Frauen
Direkt danach kommt der Wunsch nach Bildung, Berufsausbildung und mehr Mitsprache zu den Entscheidungen, die ihr eigenes Leben betreffen. Mädchen und Frauen wünschen sich, einen Beruf ergreifen können, denn das heißt ja auch, sich wirtschaftlich etwas aufbauen zu können. Wer wirtschaftlich unabhängiger ist und beitragen kann, hat sofort auch mehr Respekt und Mitsprache im eigenen familiären und sozialen Umfeld. Ein Beruf und Einkommen ist für Frauen nicht nur in Afghanistan, sondern auch bei uns ein wichtiger Katalysator für mehr Gleichberechtigung.
Wie sieht Eure Unterstützung der afghanischen Frauen aus? Wie könnt Ihr ihnen helfen?
Wir haben 22 Selbsthilfe-Projekte in Afghanistan, in denen wir insgesamt über 250.000 Menschen versorgen, 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Wir unterhalten zum Beispiel seit vielen Jahren fünf selbst gebaute Schulen, in denen über 5.000 Kinder unterrichtet werden, 3.000 davon Mädchen.
Außerdem betreiben wir 9 Mutter-Kind-Kliniken, vor allem im ländlichen Raum. Hier gibt es einen großen Bedarf, seitdem viele internationale Hilfsorganisationen Afghanistan verlassen haben. Im März 2025 wurden zudem alle US-Hilfen für Afghanistan gestrichen. Daraufhin mussten weitere 420 Kliniken und 300 Ernährungszentren schließen. Über 14 Millionen Menschen in Afghanistan haben seitdem keine Chance mehr, medizinische Versorgung zu erhalten. So ist gerade die Mutter-Kind-Sterblichkeit in Afghanistan wieder dramatisch angestiegen. Kaum eine Frau kann bei der Geburt auf medizinische Hilfe hoffen. Auch die Sterblichkeit der Kinder zwischen null und fünf Jahren ist gestiegen. Jedes zweite Kind in Afghanistan hat Wachstumsstörungen aufgrund von Mangelernährung, über drei Millionen Menschen sind akut unterernährt.
Dürft ihr im Land agieren?
Alles, was wir tun, jedes einzelne Projekt müssen wir bei den zuständigen Ministerien registrieren und zu der Projektumsetzung halbjährig berichten. Davon abgesehen sind unsere Hauptansprechpartner die Dorfgemeinschaften, in denen wir teils seit 30 Jahren tätig sind. Wir arbeiten nur dort, wo sich Dorfgemeinschaften um ein Projekt von uns bewerben und bereit sind, sich aktiv einzubringen. Zum Beispiel durch die Bereitstellung von Land, Arbeitskraft oder Zeit für eines der Projektkomitees, die wir in den Dörfern gründen. Weil wir die Gemeinden und ihre Mitglieder in jeden Projektschritt einbinden, betrachten sie unsere Projekte als die ihren, sie unterstützen und schützen diese und verhandeln dazu auch mit den regionalen Taliban. Solange wir das Vertrauen und die Unterstützung der Dorfgemeinschaften haben, können wir gut im Land agieren und unsere Projekte auch eigenständig, ohne Abgaben umsetzen – mit ihrer Hilfe.
Kann man als Europäerin in Afghanistan reisen?
Das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Afghanistan ab und es ist nicht ganz einfach. Natürlich benötigt man ein Visum und es empfiehlt sich, stets in afghanischer Begleitung zu reisen. Als Mitarbeitende einer Hilfsorganisation ist das natürlich gegeben. Wir reisen immer mit unserem afghanischen Kolleg:innen in die Projekte und kleiden uns landesüblich. Die Reiseroute muss vorher mit dem Innenministerium vor Ort geteilt werden und wird streng überwacht. Manchmal begegnen uns vor Ort auch geführte touristische Reisegruppen, die unter sehr strengen Bedingungen die Sehenswürdigkeiten des Landes besuchen. Es ist ein strategisches Zukunftsziel der Taliban, den Tourismus in Afghanistan zu fördern.
Vielen Dank für die tiefen Einblicke in das Leben der afghanischen Frauen! Und weiterhin viel Erfolg bei Eurer Arbeit!
Kontakt: www.afghanischer-frauenverein.de
Foto: Pexels / Faruk Tokluoğlu


