Frauenmedizin befindet sich im Wandel – weg von pauschalen Empfehlungen, hin zu einer präzisen, lebensphasenorientierten Gesundheitsstrategie. Eine der Stimmen, die diesen Wandel maßgeblich mitgestaltet, ist die Ärztin Dr. Andrea Gartenbach. Im Interview mit ihr geht es darum, was Frauen heute wirklich brauchen, um gesund alt zu werden, welche Risiken oft unterschätzt werden – und welche Interventionen tatsächlich wirken.
Das Wichtigste in Kürze
- Oft werden gesundheitliche Symptome isoliert behandelt. Es sollten aber die zugrunde liegenden biologischen Systeme – Stoffwechsel, Hormone und Entzündungsprozesse – betrachtet werden.
- Für Frauen ist die Menopause besonders prägend, denn sie ist ein zentraler biologischer Wendepunkt. Mit dem Rückgang von Östrogen verändert sich ein gesamtes System.
- Damit verlieren Gefäße ihren protektiven Schutz, der Stoffwechsel wird vulnerabler, Entzündungsprozesse nehmen zu und auch das Gehirn reagiert sensibler auf Stress.
- Änderungen gibt es auch am Nervensystem: Melatonin sinkt, der Schlaf wird weniger regenerativ, und die Cortisolrhythmen verschieben sich.
- Die größten Risiken für Frauen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
- Es ist wichtig, die relevanten Werte zu messen und damit seinen Stoffwechsel zu kennen und gegebenenfalls zu regulieren.
- Bei der Hormonersatztherapie kommt es auf den richtigen Zeitpunkt, die individuelle Risikokonstellation sowie die Auswahl von Hormonform, Applikation und Dosierung an. Therapien sind heute individuell und fein abgestimmt und werden kontinuierlich angepasst.
- Schlaf ist ein aktiver biologischer Prozess. Um gut zu schlafen, sollte die Energiezufuhr überwiegend in der ersten Tageshälfte stattfinden.
- Soziale Beziehungen gehören zu den stärksten Einflussfaktoren auf Gesundheit und Langlebigkeit. Stabile, unterstützende Beziehungen gelten als „biologischer Puffer“ und fördern Resilienz und verbessern die Stressverarbeitung.
- Für Frauengesundheit gibt es drei zentrale Hebel: Die Qualität sozialer Beziehungen, Resilienz (unter anderem die Fähigkeit, mit Stress umzugehen) und Bewegung, insbesondere Muskelaufbau und kardiorespiratorische Fitness (Ausdauertraining).
Frauenmedizin befindet sich im Wandel – weg von pauschalen Empfehlungen, hin zu einer präzisen, lebensphasenorientierten Gesundheitsstrategie. Eine der Stimmen, die diesen Wandel maßgeblich mitgestaltet, ist Dr. Andrea Gartenbach. Die Ärztin verbindet klinische Erfahrung mit einem modernen Verständnis von Prävention, Hormonmedizin und Langlebigkeitsforschung. In ihrer Keynote beim diesjährigen Fondsfrauen‑Gipfel zeigte sie eindrucksvoll, wie sehr weibliche Biologie, gesellschaftliche Rollenbilder und medizinische Versorgung ineinandergreifen. Das kam sehr gut an; daher haben wir im Interview noch einmal in die Tiefe gefragt. Im Interview mit ihr geht es darum, was Frauen heute wirklich brauchen, um gesund alt zu werden, welche Risiken oft unterschätzt werden – und welche Interventionen tatsächlich wirken.
Frauen leben länger als Männer – aber nicht zwingend gesünder. Woran liegt das?
Ein wesentlicher Grund ist, dass Frauengesundheit lange nicht systemisch gedacht wurde. In der klassischen Medizin werden Symptome oft isoliert behandelt, während die zugrunde liegenden biologischen Systeme – Stoffwechsel, Hormone und Entzündungsprozesse – eng miteinander vernetzt sind. Genau diese fehlende Systemperspektive führt dazu, dass Risiken häufig erst erkannt werden, wenn sie bereits klinisch manifest sind.
Gesundes Altern wird maßgeblich durch die Stabilität genau dieser Systeme bestimmt. Besonders prägend ist dabei die Menopause als zentraler biologischer Wendepunkt. Mit dem Rückgang von Östrogen verändert sich ein gesamtes System: Gefäße verlieren ihren protektiven Schutz, der Stoffwechsel wird vulnerabler, Entzündungsprozesse nehmen zu und auch das Gehirn reagiert sensibler auf Stress.
Das Risikoprofil verschiebt sich dadurch deutlich – Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden zur häufigsten Todesursache, während metabolische und onkologische Risiken zunehmen. Entscheidend ist: Diese Prozesse beginnen nicht erst mit der Menopause, sondern entwickeln sich oft über 10–20 Jahre im Voraus.
Welche Untersuchungen sind ab 40 wirklich entscheidend?
Wenn wir Gesundheit strategisch betrachten, müssen wir uns an den größten Risiken orientieren. Bei Frauen sind das primär Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Im ersten Schritt steht daher die kardiovaskuläre Risikoeinschätzung. Klassische Lipidwerte reichen hier nicht aus. Entscheidend sind Marker wie Apolipoprotein B sowie Lipoprotein(a), ergänzt durch eine 24-Stunden-Blutdruckmessung und Biomarker, die die Entzündung und Oxidierung der Lipide messen.
Parallel dazu ist Krebsprävention ein Zentrales Thema – nebst der klassischen Vorsorge sprechen wir hier auch von dem Verständnis unterschiedlicher Risikofaktoren – insbesondere Entzündung, hormonelle Balance und metabolische Stabilität.
Der Stoffwechsel ist dabei kein isoliertes Thema, sondern einer der zentralen Treiber – sowohl für kardiovaskuläre Erkrankungen als auch für Krebsrisiken. Frühmarker wie Nüchterninsulin und der HOMA-Index oder auch ein sogenannter CGM (Contineous Glucose Manager) helfen, Dysregulationen rechtzeitig zu erkennen.
Auch Mikronährstoffe als Cofaktoren und Precusoren spielen eine zentrale Rolle – allerdings nur, wenn sie funktionell interpretiert werden. Entscheidend ist nicht nur der Wert, sondern die biologische Verfügbarkeit und Nutzung im Körper.
Wie verändert die Menopause den Körper?
Die Menopause ist kein isoliertes Hormonereignis, sondern ein systemischer Umbruch. Mit dem Rückgang von Östrogen und Progesteron verändern sich zentrale biologische Prozesse gleichzeitig. Der Stoffwechsel wird weniger flexibel, die Insulinsensitivität sinkt und es kommt häufiger zu einer Zunahme von viszeralem Fett. Gleichzeitig beschleunigt sich der Verlust von Muskelmasse, was direkte Auswirkungen auf metabolische Gesundheit und Leistungsfähigkeit hat. Auch das kardiovaskuläre Risiko steigt, da der gefäßschützende Effekt von Östrogen entfällt, während entzündliche Prozesse zunehmen.
Parallel verändert sich die Regulation des Nervensystems: Melatonin sinkt, der Schlaf wird weniger regenerativ, und die Cortisolrhythmen verschieben sich. Viele Frauen sind abends zu aktiviert und morgens weniger erholt.
Ein zentraler, oft unterschätzter Zusammenhang ist die enge Verbindung zwischen Stress und Ovarialfunktion. Chronischer Stress kann über das autonome Nervensystem direkt auf die hormonelle Regulation wirken und den Alterungsprozess der Ovarien beschleunigen. Die Menopause ist damit kein einzelnes Symptom, sondern ein klarer Systemshift, der Stoffwechsel, Gehirn und langfristige Gesundheitsrisiken gleichzeitig beeinflusst.
Welche Rolle spielt die Hormonersatztherapie?
Die kritische Wahrnehmung der Hormonersatztherapie basiert zu einem großen Teil auf einer Fehlinterpretation der Women’s Health-Initiative-Studie Anfang der 2000er Jahre. In dieser Studie wurden überwiegend Frauen untersucht, die bereits deutlich älter waren und sich oft viele Jahre nach der Menopause befanden. Zudem kamen Hormonpräparate und Dosierungen zum Einsatz, die so heute nicht mehr verwendet werden.
Die Ergebnisse wurden jedoch pauschal auf alle Frauen übertragen – und haben über Jahre hinweg zu erheblicher Verunsicherung geführt. Viele Frauen haben aus Angst auf eine Therapie verzichtet, obwohl sie potenziell davon profitiert hätten.
Die aktuelle Evidenz ist deutlich differenzierter. Entscheidend sind der richtige Zeitpunkt, die individuelle Risikokonstellation sowie die Auswahl von Hormonform, Applikation und Dosierung. Wird die Therapie früh im menopausalen Übergang begonnen und individuell angepasst, kann sie für viele Frauen eine zentrale Rolle spielen – insbesondere in Bezug auf Schlafqualität, Knochengesundheit, Lebensqualität und in bestimmten Fällen auch kardiometabolische Parameter.
Heute haben wir zudem deutlich bessere Möglichkeiten der Individualisierung. Moderne Ansätze berücksichtigen nicht nur klinische Symptome und Laborwerte, sondern zunehmend auch genetische Faktoren, Stoffwechselprofile und individuelle Risikokonstellationen. Das ermöglicht eine sehr präzise, fein abgestimmte Therapie, die sich an den Bedürfnissen, Beschwerden und Zielen der jeweiligen Patientin orientiert.
Die Hormonersatztherapie ist damit kein standardisiertes Konzept, sondern eine personalisierte medizinische Intervention, die individuell entschieden und kontinuierlich angepasst wird.
Schlaf und Zuckerstoffwechsel – was ist entscheidend?
Schlaf ist ein aktiver biologischer Prozess. Ein zentraler Mechanismus ist die Blutzuckerregulation. Unterversorgung am Tag kann nachts zu Hypoglykämien führen – der Körper reagiert mit Cortisolanstieg und Aufwachen.
Gleichzeitig können späte, stark kohlenhydratreiche Mahlzeiten Blutzuckerschwankungen auslösen. Eine stabile Energiezufuhr über den Tag – insbesondere in der ersten Tageshälfte – verbessert daher häufig die Schlafqualität.
Welche Warnsignale sollten Frauen ernst nehmen?
Erst einmal: wir haben immer recht – wenn Symptome auftauchen, muss geforscht werden, was die Ursache ist. Selten finden man keine klare Erklärung. Es sollte sich keine mit der Antwort „ja das ist im Alter so“ oder „gewöhn dich dran“ oder „es kann doch nicht sein“ abgeben.
Chronische Erschöpfung, Schlafstörungen, Gewichtszunahme trotz konstantem Lebensstil und Zyklusveränderungen werden häufig fehlinterpretiert oder ignoriert. Sie sind jedoch frühe Marker systemischer Dysregulation.
Welche Rolle spielen Beziehungen?
Soziale Beziehungen gehören zu den stärksten – und gleichzeitig am meisten unterschätzten – Einflussfaktoren auf Gesundheit und Langlebigkeit. Wir wissen heute aus großen epidemiologischen Studien, dass die Qualität sozialer Bindungen einen ähnlich starken Einfluss auf Mortalität haben kann wie klassische Risikofaktoren wie Rauchen oder Bewegungsmangel.
Der zugrunde liegende Mechanismus ist vor allem neurobiologisch. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, Sicherheit oder Bedrohung kontinuierlich zu bewerten – nicht nur über physische, sondern auch über soziale Signale. Zugehörigkeit, Verlässlichkeit und emotionale Stabilität wirken dabei regulierend auf das autonome Nervensystem und fördern einen parasympathischen Zustand, der für Regeneration, Schlaf und Reparaturprozesse essenziell ist.
Umgekehrt wirken chronisch belastende Beziehungen wie ein permanenter Stressor. Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen beruflichem und emotionalem Stress – beides aktiviert ähnliche physiologische Reaktionen. Es kommt zu einer erhöhten Aktivität der Stressachsen, insbesondere der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, mit konsekutiv erhöhten Cortisolspiegeln, veränderter Immunfunktion und langfristig auch erhöhten Entzündungsprozessen. Diese chronische Aktivierung hat direkte Auswirkungen auf zentrale gesundheitliche Parameter: Sie beeinflusst Schlafqualität, Stoffwechsel, hormonelle Regulation und sogar kardiovaskuläre Risiken. Gleichzeitig sehen wir, dass soziale Isolation oder emotionale Dysregulation mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert sind.
Auf der anderen Seite wirken stabile, unterstützende Beziehungen als sogenannter „biologischer Puffer“. Sie fördern Resilienz, verbessern die Stressverarbeitung und unterstützen die Fähigkeit des Körpers, nach Belastung wieder in einen regulierten Zustand zurückzukehren. Dieser Effekt ist messbar – beispielsweise über Herzratenvariabilität oder Cortisolprofile.
Ein wichtiger Punkt ist dabei die Qualität, nicht die Quantität von Beziehungen. Es geht nicht um ein großes Netzwerk, sondern um verlässliche, regulierende Verbindungen. In diesem Kontext kann man von „Beziehungs-Hygiene“ sprechen: also der bewussten Gestaltung eines Umfelds, das das Nervensystem eher beruhigt als chronisch aktiviert. Gesundheit ist damit nicht nur eine Frage von Biochemie oder Lebensstil, sondern auch eine Frage von Verbindung. Oder anders formuliert: Soziale Sicherheit ist ein biologisches Signal – und ein zentraler Bestandteil von Longevity.
Was sind die drei wichtigsten Maßnahmen?
Es geht weniger darum, drei einzelne Maßnahmen zu definieren – sondern darum, wie wir überhaupt anfangen, Gesundheit strategisch zu denken.
Der erste Schritt ist, die eigenen Risiken zu verstehen. Die meisten relevanten Erkrankungen entstehen über Jahre oder Jahrzehnte – sie sind messbar, bevor sie symptomatisch werden. Dieses Verständnis ist die Grundlage für jede Entscheidung. Es schafft Motivation, weil man nicht mehr abstrakt „gesund leben“ möchte, sondern konkret weiß, was man beeinflussen kann.
Der zweite Schritt ist, daraus realistische, umsetzbare Maßnahmen abzuleiten. Viele machen den Fehler, alles gleichzeitig verändern zu wollen – und scheitern genau daran. Nachhaltige Veränderung entsteht in kleinen, konsistenten Schritten. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Richtung und Kontinuität.
Wenn man das auf Lifestyle herunterbricht, sehen wir immer wieder drei zentrale Hebel: Zum einen die Qualität sozialer Beziehungen. Sie wirken direkt auf das Nervensystem und damit auf Stressregulation, Schlaf und langfristige Gesundheit. Zum anderen Resilienz – und die ist sowohl psychologisch als auch biologisch zu verstehen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, mit Stress umzugehen, aber auch in der Qualität von Schlaf, Regeneration und innerer Stabilität. Und schließlich Bewegung, insbesondere Muskelaufbau und kardiorespiratorische Fitness, gemessen über die VO₂max. Diese beiden Faktoren gehören zu den stärksten Prädiktoren für Langlebigkeit.
Longevity ist damit kein kurzfristiges Optimierungsprojekt. Es ist ein Prozess, bei dem wir Risiken verstehen, priorisieren und Schritt für Schritt beeinflussen – über Jahre hinweg.
Vielen Dank für dieses interessante Interview, Andrea!
Aufzeichnung: Digital Lunch Talk
Am 28. April 2026 fand unser digitaler Lunchtalk mit Dr. Andrea Gartenbach statt. Als Member kannst du dir die Aufzeichnung jederzeit ansehen und die wichtigsten Impulse bequem nachholen:
Geschützter Inhalt
Dieser Inhalt ist ausschließlich für Mitglieder der Fondsfrauen zugänglich. Bitte logge dich ein oder registriere dich als neues Mitglied.


