Zwei Monate auf unserem Segelschiff „Rita“ haben mir mehr über Autarkie, Leadership und Krisenmanagement beigebracht als jedes Seminar. Zwischen gerissener Steuerleine, explodierendem Wassermacher-Schlauch und Marinas, die plötzlich 550 Euro pro Nacht kosten, habe ich gelernt: Das Meer ist der ehrlichste Coach – und erstaunlich nah am Berufsleben.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Kein Seminar, kein Leadership Workshop ist so unbestechlich wie ein Schiff, das dir gnadenlos zeigt, was funktioniert – und was nicht.
  • Gute Anleitung, konsequentes Üben und dann ins Tun kommen. Kompetenz entsteht nicht durch PowerPoint, sondern durch Praxis.
  • Was du selbst (oder ein Crewmitglied) kannst, verstehst und kontrollierst, macht dich stark – ob auf See oder im geschäftlichen Bereich.
    Consultants und Gutachter haften nicht.
  • Flexibilität ist die neue Stabilität – und Autarkie bedeutet, dass du auch dann handlungsfähig bleibst, wenn Plan A implodiert.
  • Amazon schickt nichts an Bord, und vor allen Dingen: Spare nicht an der Qualität!
  • Teamwork ist wichtig: Was du (noch) nicht kannst, muss jemand anderes im Team können – mindestens bis du es gelernt hast.
  • Autarkie ist kein Zustand – es ist ein Prozess. Und ein Mindset. Wer sich selbst helfen kann, trifft bessere Entscheidungen, führt souveräner und bleibt auch in stürmischen Zeiten stabil.

Heute ist der 29. August – genau zwei Monate, seit mein Mann und ich auf unser Segelschiff „Rita“ gezogen sind. Zwei Monate Bordleben. Zwei Monate Meer, Motoren, Manöver… und eine erstaunliche Menge Erkenntnisse, die sich direkt in dem Business‑Kontext übertragen lassen.

Denn eines habe ich gelernt: Das Meer ist der ehrlichste Coach, den man sich vorstellen kann. Kein Seminar, kein Leadership‑Workshop ist so unbestechlich wie ein Schiff, das dir gnadenlos zeigt, was funktioniert – und was nicht.

Zeigen lassen, üben, vertrauen – der Dreisatz für jede Karriere

Ich gebe es zu: Die Vorstellung, unser 13 x 7-Meter‑Space‑Shuttle in eine Marina‑Parklücke zu bugsieren, hat mich anfangs eher in Richtung „Landratte bleiben“ denken lassen. Also haben wir Profi‑Skipper Chris an Bord geholt. Eine Woche lang Manöver, Drehen auf dem Teller, rückwärts an die Boje… und irgendwann war klar: Ich kann das. Nicht theoretisch – praktisch.

Mit jedem gelungenen Anlegen wuchs die Sicherheit. Die Angst verschwand, der Respekt blieb.

„Als ich drei oder vier Mal unfallfrei eingeparkt hatte, wusste ich klarer: Ich schaff das!“

Im Job ist es genauso: Gute Anleitung, konsequentes Üben und dann ins Tun kommen. Kompetenz entsteht nicht durch PowerPoint, sondern durch Praxis.

Consultants sind gut – Autarkie ist besser

Beim Schiffskauf haben wir uns beraten lassen. 16.000 Euro für Consultants und Gutachter – und ja, ohne sie hätten wir Rita nicht gefunden. Aber: Rita hat uns in den ersten Wochen mit einer ganzen Parade an Überraschungen begrüßt.

Woche 1: Alle Füllstandsanzeigen tot – für Diesel, Trinkwasser, Schwarzwasser, Batterie-Ladezustand… Woche 2: Steuerleine gerissen…und auch gleich alle Navigations-Instrumente ausgestiegen. Woche 3: Relais der Ankerwinsch defekt… Woche 4: Wassermacher-Schlauch geplatzt…

„Kein Gutachten hatte das erwähnt. Und natürlich haftet niemand außer uns selbst.“

Diese Wochen haben mich zu einer Überzeugung gebracht, die im Berufsleben genauso gilt: Autarkie schlägt Abhängigkeit. Was du selbst (oder ein Crewmitglied) kannst, verstehst und kontrollierst, macht dich stark – ob auf See oder im geschäftlichen Bereich. Consultants und Gutachter haften nicht.

Plan B ist kein Luxus – sondern Überlebensstrategie

Bei einer Schiffsreise legt man sich eine grobe Route fest und fährt los. Das Finetuning der Route wird unterwegs gemacht und hängt von Wind & Wetter und den Gegebenheiten vor Ort ab. Morgens nimmst Du Dir vor, abends eine bestimmte Marina zu erreichen und versuchst, dort einen Platz zu reservieren. Es kann passieren, dass die Marina voll ist, oder sie verlangt zur Hochsaison €550 / Nacht (August auf Ibiza). Nein, du hast dann nicht einen Anteil der Marina gekauft, sondern du darfst dort lediglich eine Nacht dein Boot festmachen.

„Bei solchen Preisen wäre die Bordkasse schnell leer. Also brauchst du Alternativen – und gutes Ankergeschirr.“

Im Job ist es ähnlich: Wer nur einen Plan hat, hat eigentlich keinen. Flexibilität ist die neue Stabilität – und Autarkie bedeutet, dass du auch dann handlungsfähig bleibst, wenn Plan A implodiert.

Qualität schlägt Quantität – radikal

Ich bin Sammlerin. Leidenschafts‑Käufe? Spontan-Käufe? Ja, bitte!

Aber auf Rita gilt: Gewicht ist Performance. Und Ersatzteile sind nicht mal eben bei Amazon bestellbar, daher müssen sie unabdingbar mit, haben also Priorität vor meinem „Gedöns“.

Das hat mich gelehrt: Weniger Dinge, aber bessere! Die Dinge, die wir an Bord haben, müssen höchsten Qualitätsanforderungen entsprechen, denn es ist sehr ärgerlich, wenn etwas kaputt geht oder nicht mehr funktioniert. Du bekommst es im Regelfall nicht leicht ersetzt, und an Land sind wir nicht so beweglich, dass wir verschiedene Läden abklappern könnten. Praktisch ist auch, wenn Dinge unterschiedlich eingesetzt werden können.

„Amazon schickt nichts an Bord, und vor allen Dingen: Spare nicht an der Qualität!“

Im Berufsleben heißt das: Weniger Tools, aber die richtigen. Weniger Projekte, aber die wichtigen. Weniger Meetings, aber die mit Wirkung.

Partnerwahl – beruflich wie privat

Charmant, gut aussehend, lässig gekleidet? Nett. Aber auf Rita zählt etwas anderes: Technikverständnis, Handwerk, Problemlösung.

Ich kümmere mich um Navigation, Kommunikation, Proviantierung, die Funkerei und inzwischen auch ums Manövrieren in engen Marinas. Mein Mann übernimmt die Technik. Zusammen sind wir autark – weil wir uns ergänzen.

Das ist Teamwork in Reinform: Was du (noch) nicht kannst, muss jemand anderes im Team können – mindestens bis du es gelernt hast.

Autarkie macht stark – körperlich, mental, beruflich

Die zwei Monate auf Rita haben mich verändert. Ich fühle mich fitter, mobiler, selbstbewusster. Ich krieche in jede Öffnung, repariere Dinge, die ich früher nicht mal angesehen hätte, und bewege mich sicherer als anfangs. Auch die ewige Schaukelei macht mir nichts mehr aus.

Autarkie ist kein Zustand – es ist ein Prozess. Und ein Mindset. Eines, das gerade im Finanzsektor wertvoll ist: Wer sich selbst helfen kann, trifft bessere Entscheidungen, führt souveräner und bleibt auch in stürmischen Zeiten stabil.

Die Runde im Mittelmeer ist nur der Testlauf. Die große Fahrt kommt erst noch. Aber schon jetzt weiß ich: Das Meer und ein Schiff lehren dich alles, was du auch für Karriere, Leadership und Selbstwirksamkeit brauchst – nur direkter, ehrlicher und manchmal salziger.

Ahoy – bis bald!

Profilbild von Anke Dembowski

Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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