In ihrem Gastbeitrag für die Fondsfrauen kritisiert Jenny Walter, dass strukturelle Unsicherheit im Umgang mit Finanzentscheidungen und unterbrochene berufliche Lebensläufe von Frauen im neuen Altersvorsorge-Depot nicht ausreichend berücksichtigt werden. Sie ist CEO von Investforwomen. Bei ihrer Argumentation bezieht sie sich auf eine Studie, bei der ihr Unternehmen nach eigenen Angaben rund 10.000 Frauen zum neuen Altersvorsorgedepot befragt hat.

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Das Wichtigste in Kürze

  • In der Umfrage geben 74% der befragten Frauen an, dass ihnen das notwendige Wissen über Kapitalmarktprodukte fehlt, um eigenständig Entscheidungen zu treffen. 67% trauen sich nicht zu, selbst zu investieren.
  • Außerdem sind bei vielen Frauen die beruflichen Lebensläufe durch Teilzeit, Elternzeit oder familiäre Verantwortung unterbrochen, was ihre Möglichkeiten zur Altersvorsorge einschränkt.
  • Ein zentraler Faktor bei kapitalmarktbasierter Vorsorge ist Zeit. Frauen können aber in verschiedenen Phasen ihres Lebens weniger einzahlen. Dadurch verlieren sie nicht nur Beiträge, sondern vor allem Wachstumszeit.
  • Jenny Walter meint, dass ein zukunftsfähiges Altersvorsorgesystem mehr leisten muss als nur den Zugang zum Kapitalmarkt zu eröffnen. Vielmehr sollte es die Realität unterschiedlicher Lebensverläufe aktiv einpreisen und Risiken nicht nur individuell, sondern auch strukturell abfedern.
  • Dazu gehören finanziellen Bildung, unabhängige und kontinuierliche Begleitung während des Entscheidungsprozesses sowie staatliche Ausgleichsbeiträge in Phasen von Erwerbsunterbrechungen wie Elternzeit oder Care Arbeit.

Die Fondsfrauen haben sich positiv über das neues Altersvorsorge-Depot geäußert, und sehen es auch weiterhin als gelungenes Konzept für die geförderte private Altersvorsorge. Es gibt jedoch auch Stimmen im Markt, die Nachbesserungs-Bedarf sehen, insbesondere was die Zielgruppe Frauen betrifft. Daher veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Gastbeitrag von Jenny Walter. Sie ist CEO der unabhängigen Finanzbildungs- und Beratungsplattform Investforwomen.

Jenny Walter berichtet über die Ergebnisse einer Studie, die ihr Unternehmen durchgeführt hat. Dazu wurden laut eigenen Angaben rund 10.000 Frauen zum neuen Altersvorsorgedepot befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ausgangsbedingungen für das geplante Depot sehr unterschiedlich sind.

Wenn Eigenverantwortung auf Unsicherheit trifft

74% der befragten Frauen geben an, dass ihnen das notwendige Wissen über Kapitalmarktprodukte fehlt, um eigenständig Entscheidungen zu treffen. 67% trauen sich nicht zu, selbst zu investieren. Mehr als jede zweite Befragte würde ihre Altersvorsorge aktuell nicht eigenständig am Kapitalmarkt organisieren.

Die Ergebnisse der Investforwomen-Umfrage verweisen dabei weniger auf fehlendes Interesse als auf eine strukturelle Unsicherheit im Umgang mit Finanzentscheidungen, die in klassischen Vorsorgemodellen oft nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Lebensrealität entscheidet über Vorsorgechancen

61% der Frauen berichten, dass Teilzeit, Elternzeit oder familiäre Verantwortung ihre Möglichkeiten zur Altersvorsorge einschränken. Damit wird deutlich, dass Vorsorge nicht nur eine Frage des Willens ist, sondern stark von der individuellen Lebenssituation abhängt. Ein zentraler Faktor ist dabei Zeit. Kapitalmarktbasierte Vorsorge entfaltet ihre Stärke vor allem über lange Zeiträume. Wer später beginnt oder über Jahre weniger einzahlen kann, verliert nicht nur Beiträge, sondern vor allem Wachstumszeit.

Der stille Effekt der Zeit

Ein einfaches Beispiel zeigt die Dimension. Wer mit 25 Jahren beginnt, monatlich 200 Euro bei sechs Prozent Rendite zu investieren, erreicht bis zum Rentenalter rund 430.000 Euro. Beginnt dieselbe Person zehn Jahre später, sinkt das Ergebnis auf etwa 230.000 Euro. Der Unterschied von rund 200.000 Euro entsteht allein durch Zeit im Markt, nicht durch unterschiedliche Entscheidungen oder Fähigkeiten. Gerade Erwerbsunterbrechungen durch Elternzeit oder Teilzeit wirken hier langfristig nach.

Aus Sicht von Investforwomen zeigt sich hier besonders deutlich, wie stark finanzielle Bildung, früher Zugang zum Kapitalmarkt und kontinuierliches Investieren langfristige Vermögensunterschiede beeinflussen können.

Warum Kapitalmarktzugang nicht gleich Kapitalmarktnutzung ist

Das neue System setzt voraus, dass Menschen nicht nur Zugang zu Produkten haben, sondern diese auch verstehen, nutzen und über Jahrzehnte durchhalten. Genau hier entstehen in der Praxis die größten Unterschiede. Finanzentscheidungen am Kapitalmarkt sind nicht statisch. Sie erfordern laufende Entscheidungen, insbesondere in Phasen von Unsicherheit oder Marktschwankungen. Verhaltensökonomische Studien zeigen, dass viele Menschen in solchen Situationen dazu neigen, Investitionen zu unterbrechen oder vorschnell umzuschichten. Genau diese Reaktionen können langfristig erhebliche Auswirkungen auf den Vermögensaufbau haben.

Was ein gerechtes Vorsorgesystem leisten müsste

Ein zukunftsfähiges Altersvorsorgesystem muss deshalb deutlich mehr leisten als den Zugang zum Kapitalmarkt zu eröffnen. Es muss die Realität unterschiedlicher Lebensverläufe aktiv einpreisen und Risiken nicht nur individuell, sondern strukturell abfedern.

  1. Der erste Hebel liegt in der finanziellen Bildung. Diese darf nicht erst im Erwachsenenalter beginnen, sondern muss früh, praktisch und lebensnah ansetzen. Entscheidend ist dabei nicht nur Wissen über Produkte, sondern ein Verständnis für langfristige Zusammenhänge wie Zinseszinseffekt, Risiko und Zeit im Markt.
  2. Der zweite Hebel betrifft Orientierung im Entscheidungsprozess. Viele Menschen scheitern nicht am Sparen selbst, sondern an der Einordnung von Produkten, Risiken und langfristigen Konsequenzen. Niedrigschwellige, unabhängige und kontinuierliche Begleitung kann hier den Unterschied machen zwischen Entscheidung und Aufschub.
  3. Der dritte Hebel ist strukturell am wichtigsten. Erwerbsunterbrechungen wie Elternzeit oder Care Arbeit dürfen sich nicht dauerhaft in der Altersvorsorge niederschlagen. Denkbar wären automatische staatliche Ausgleichsbeiträge in diesen Phasen oder eine stärkere Förderung genau dann, wenn Einkommen sinkt und private Vorsorge am schwierigsten ist.

Entscheidend ist dabei die Frage der Finanzierung. Ein Teil dieser Förderung kann durch die stärkere Fokussierung auf langfristige Kapitalmarktprodukte und die Ablösung ineffizienter Altstrukturen gegenfinanziert werden. Es geht also weniger um zusätzliche Belastung als um eine andere Verteilung innerhalb des Systems

Zwischen Chance und Realität

Das Altersvorsorge-Depot ist ein wichtiger Reformschritt und kann mehr Rendite und mehr Flexibilität ermöglichen. Gleichzeitig zeigt die Investforwomen-Umfrage unter mehr als 10.000 Frauen, dass ein System, das stark auf Eigenverantwortung setzt, nur dann gerecht funktionieren kann, wenn Wissen, Zeit und Zugang realistisch verteilt sind. Entscheidend wird deshalb nicht nur sein, wie viel Kapital aufgebaut werden kann, sondern wer überhaupt die Möglichkeit hat, diese Chancen langfristig zu nutzen.

Foto: Investforwomen

Profilbild von Anke Dembowski

Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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