Dr. Anja Hochberg ist Head Multi-Asset Solutions beim Asset Management der Zürcher Kantonalbank. Die promovierte Volkswirtin engagiert sich von Anfang an im Beirat der Fondsfrauen. Heute spricht Fondsfrau Anke Dembowski mit ihr nicht über die klassischen Anlagelösungen, sondern über eine jüngst ausgezeichnete Initiative der Schweizer Kantonalbanken.

Anja, beim diesjährigen Fondsfrauen-Award wurdest Du als Women of the Year gekürt. Was bedeutet dir dieser Preis?
Enorm viel. Für mich ist es eine Bestätigung, dass mein Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern wahrgenommen wird. Gleichzeitig ist es eine Motivation für mich, weiter an dem Thema zu arbeiten. Ich wünsche mir, dass es eine Inspiration für möglichst viele Frauen und Männer ist, sich weiterhin und mit Spass für die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern einzusetzen.

Bei dem Award, den Du gewonnen hast, geht es um Frauen, die unternehmerische Erfolge vorweisen können. Du hast mit den Schweizer Kantonalbanken ein ganz besonderes Produkt aufgelegt, das sogar jüngst mit dem „Ethics in Finance“ Award der Universität Neuchâtel ausgezeichnet worden ist. Erzählst Du uns, um was es genau geht?
Klar, gerne. Es geht dabei um eine Anlagelösung, bei der ein Teil der Rendite an „Education Cannot Wait“ (ECW) gespendet wird, den UN-Fonds für Bildung in Notsituationen. Es gibt auf der Erde mehr als 250 Millionen Kinder und Jugendliche, die keinen Zugang zu Bildung zu haben. Das sind viele verpasste Chancen! Meiner Meinung nach ist Bildung ein Grundrecht, und das Bildungsziel vereint uns alle bei den Kantonalbanken. Trotzdem gab es bis dato keine Anlagemöglichkeit, die sich diesem Ziel dediziert gewidmet hätte. Entstanden ist die Idee durch den Aufruf des Schweizer Bundesrates Ignazio Cassis bim WEF 2023, privates Kapital zur Finanzierung von Bildung  (UN-Nachhaltigkeits-Ziel 4) zu mobilisieren. Die Möglichkeit, mit eigenen Finanzlösungen messbare Wirkung zu erzielen, hat mit sehr stark motiviert. Ich habe mich daraufhin mit vielen  Stakeholdern aus dem Finanz-Ökosystem getroffen, um hier etwas auf die Beine zu stellen. Mittlerweile ist die Anlagelösung live und wir konnten bereits 2800 Kinder und Jugendliche unterstützen.

Wie funktioniert die Anlagelösung genau?
Wir wollten das Ganze möglichst einfach halten. Daher haben wir eine bestehende Anlagestrategie verwendet, und zwar mit einem Multi-Asset-Fonds, den wir im Sinne von Artikel 9 SFDR klassifizieren und der sowohl in der Schweiz als auch in der EU vertrieben werden kann.  Wir streben hier langfristig eine  Netto-Rendite von 4,0 % p.a. an. Davon gehen 2% an die Kunden, und 2% fließen als Spende an Education Cannot Wait.

Finden die Kunden das okay?
Ja, sie kaufen den Fonds ganz bewusst, schließlich könnten sie auch den klassischen Mischfonds erwerben, bei dem keine 2% jährlich gespendet werden. Während die Kunden einen Teil ihrer Rendite spenden, verzichten die Kantonalbanken auf den Grossteil der Gebühren. Hinzu kommt, dass wir ein Wirkungs-Reporting erstellen. Darin berichten wir, wie viele Kinder von dem Projekt profitiert haben und welche Projekte im Einzelnen unterstützt wurden. Wir brechen das dediziert auf einen Fondsanteil runter, also pro Einheit des Fonds werden soundso viele Kinder unterstützt. Die Eidgenossenschaft prüft den Wirkungsreport von Education Cannot wait – der Organisation, der wir das Geld zur Verfügung stellen. Diese Transparenz ist beim Spenden enorm wichtig.

Zumindest in der Schweiz gibt es noch ein kleines steuerliches Bonbon für den Fonds…
Ja, in der Schweiz haben wir von einigen Steuerämtern eine eingeschränkte Nutznießung bescheinigt bekommen, so dass bei der schweizerischen Vermögensteuer nur 50% der Fondsanteile angegeben werden müssen. Wie wir mit der steuerlichen Situation im Ausland umgehen, das müssen wir noch klären, aber wir wollten die Lancierung für die Schweiz auf keinen Fall verschieben.

Es gäbe ja auch die Möglichkeit, in Student-Loans zu investieren. So investiert man auch in Bildung.
Ja, aber das ist ein eingeschränktes Anlagesegment, das sich überwiegend an institutionelle Investoren richtet und auch nicht so breitenwirksam ist. Bei uns kann jeder Retailinvestor investieren und spenden. Mit dem Swisscanto (LU) Portfolio Fund Sustainable Balance – Education Initiative Swiss Cantonal Bank wollten wir eine Anlagelösung für jedermann bieten, die kostengünstig und transparent ist und ein Wirkungsreporting erhält. Als luxemburgische UCITS-Struktur bietet dieser Fonds tägliche Liquidität.

Wie läuft der Vertrieb?
Der Fonds wird über die Kantonalbanken vertrieben. Zielpublikum sind in erster Linie private Anleger.

Ist die Spende unabhängig von der Performance des Fonds im jeweiligen Jahr?
Ja, wir spenden jedes Jahr 2%, unabhängig von der aktuellen Performance. Die Spende wird an jedem Bewertungstag buchhalterisch abgegrenzt. Auch wenn in einem Jahr die Performance mal bei -5% liegen würde, werden trotzdem 2% gespendet. Der Hintergrund ist, dass wir dem Spendenaufkommen eine möglichst hohe Kontinuität geben wollen, denn bei den Förder-Programmen ist die Planbarkeit wichtig. Im langfristigen Schnitt wird die Rendite 50:50 zwischen Kunden und Spendentopf aufgeteilt.

Die Schweizer Kantonalbanken gelten als ziemlich konservativ. Wie hast Du es geschafft, sie unter einen Hut zu bekommen und sie für dieses Projekt zu begeistern?
Ich hatte die volle Unterstützung meines CEOs Urs Baumann. Ja, bei den Kantonalbanken sind wir alle Wettbewerber, aber wir teilen auch starke, gemeinsame Werte. Bildung ist einer davon. Die Unterstützung der Eidgenossenschaft hat sicherlich geholfen, aber etwas Überzeugungskraft und Koordination hat es bei 24 CEOs schon gebraucht,  Ich glaube, dass am Ende alle 24 CEOs der Kantonalbanken froh sind, dass sie sich beteiligt haben, auch, um ihren Kunden ein philanthropisches Angebot zu machen.

Wie sieht die Bildungs-Förderung aus? Nach welchen Kriterien geht Ihr dabei vor?
Wir haben uns entschieden, dass wir das machen, was wir am besten können: Geld managen. Um die Bildungsförderung und die einzelnen Projekte kümmert sich die UN-Organisation „Education Cannot Wait“. Dort agierte unter anderem der ehemalige UK-Premierminister Gordon Brown als Sondergesandter der Vereinten Nationen für Bildung. Außerdem engagiert sich auch die Lego-Foundation, die sich für Lernen durch Spielen einsetzt. Wir werden durch die Eidgenossenschaft vertreten. Auf hoher Ebene wird diskutiert, welche strategischen Prioritäten man setzen will, z.B. wie man mit Mädchenförderung im Iran umgeht oder wie man in der Ukraine-Krise agieren soll, wo ja viele Bildungs-Einrichtungen zerstört sind. Vor Ort wird dann mit lokalen Unternehmen gearbeitet.

Wir sind hier bei den Fondsfrauen. Daher interessiert mich die Frage, ob Mädchen bei dem Projekt besonders gefördert werden.
Wir achten darauf, dass das ausgeglichen ist und möchten keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungs zementieren. Das zeigen wir auch in unseren KPIs. Im Iran haben wir beispielsweise besondere Frauen-Projekte, während es in der Ukraine eher 50:50 ist. Wir unterstützten auch Bildungs-Projekte, die direkt in den Flüchtlingslagern betrieben werden.

Inwiefern reflektiert dieses Produkt auch positiv auf die Schweizer Kantonalbanken zurück?
Der Fonds ist von der Presse positiv aufgenommen worden, aber hier gibt es in meinen Augen noch Luft nach oben. Im Oktober waren wir bei der UN-Generalversammlung und durften dort im Yale-Club unseren Fonds vorstellen. Wir sind im Schweizer Fernsehen und sogar im Lokalradio präsent und haben auch die Erfolge dieses Jahr beim WEF präsentiert. Jetzt, wie gesagt, sind wir von der Uni Neuchâtel, unterstützt u.a. von der Schweizer Bankiersvereinigung, der AMAS, der CFA Society, dem SSF und vielen anderen mit dem „Ethics in Finance“ Award ausgezeichnet worden,

Wie kommt das Produkt bei der Kundschaft an? Wieviel AUM habt Ihr bereits einsammeln können?
Man muss schon bedenken, dass es sich um einen Fonds handelt, der als Nische zu werten ist. Knapp ein Jahr nach Lancierung und unter widrigen Marktbedingungen verfügen wir über rund CHF 14 Millionen Assets unter Management. Das ist ein guter Anfang, aber natürlich wollen wir deutlich mehr. Was mich freut, ist, dass wir unterschiedliche Anlegergruppen haben: Klassische Retail-Kunden mit 1.000 Franken, aber auch vermögendere Privatkunden, die dann auch mal 100.000 Franken investieren.

Ist nicht sogar ein spezieller Fonds für Stiftungen in Planung?
Ja, wir haben jüngst in der Schweiz einen Stiftungsfonds lanciert, der es insbesondere kleineren Stiftungen erlaubt, sehr effizient zu investieren.

Und wie wird der Stiftungs-Fonds funktionieren?
Der Swiss Philanthropy Performance Index (SwiPhiX) repliziert die durchschnittliche Performance der Stiftungen, die Geld bei uns verwalten lassen. Das sind etwa 80 Stiftungen. Wir replizieren die Performance dieser Mandate, die alle ihre jeweils individuelle Anlagestrategie haben, und ermitteln daraus eine durchschnittliche Allokation. Dabei verfolgen wir einen strengen Nachhaltigkeits-Ansatz. Den Stiftungen stellen wir die gesamte Performance zur Verfügung, damit sie damit ihren jeweiligen Stiftungszweck erfüllen können.

Als Women of the Year hat man ja auch immer eine Art Leuchtturm-Funktion. Welchen besonderen Karriere-Tipp hat Du für unsere Leserinnen, die im Finanz-Sektor eine Karriere anstreben?
Ich will an dieser Stelle vier Karriere-Tipps geben, die ich alle für sehr wichtig halte:

  • Mach das, was Du gerne tust! Tue es dann mit Leidenschaft und setze Dich überdurchschnittliche dafür ein.
  • Werde sichtbar! Nimm Dir in deiner Agenda Zeit für strategische Projekte, die auch Sichtbarkeit für Dich schaffen. Ein gutes Beispiel ist hier der Bildungsfonds, über den wir gerade sprechen.
  • Tappe nicht in die Fleißige-Bienchen-Falle!
  • Feiere auch, wenn Du und Dein Team etwas geleistet haben! Das schafft Gemeinsamkeit und die Inspiration für die nächste Idee kommt bestimmt.

Das sind tolle Tipps. Noch etwas: Du wirkst unglaublich motiviert. Was motiviert Dich so?
Ich bin der festen Überzeugung, dass mit Geld auch Verantwortung einhergeht. Für mich ist das ein philosophischer Grundsatz. Wenn wir Kunden, die ähnlich denken, für diesen Fonds begeistern können, dann motiviert mich das mega!

Vielen Dank Anja, und Euch viel Erfolgt mit Eurem interessanten Produkt!

Hier findest Du weitere Informationen zu dem Bildungsfonds „Swisscanto (LU) Portfolio Fund Sustainable Balance (CHF) – Education Initiative Swiss Cantonal Banks“ (ISIN: LU2825509388)

 

 

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Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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