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„Frauen sollten ihre Leistung positiv ins Gespräch bringen“ (mit Buch-Verlosung)

Der informativ-heitere Vortrag von Silke Foth auf dem diesjährigen Fondsfrauen-Gipfel ist vielen noch in guter Erinnerung. Unternehmensberaterin und Coach Silke Foth sprach in Mannheim über Männer-Rituale, die jede von uns kennt, aber über die wir vielleicht bisher nicht so tief nachgedacht haben. Heute holen wir uns einen Nachschlag und sprechen mit Silke über Rituale in der männer-dominierten Geschäftswelt, und wie wir damit umgehen können. Womöglich tun unsere männlichen Kollegen auch etwas, das wir uns abschauen können: Männer verbringen etwa 30% ihrer bezahlten Arbeitszeit mit Netzwerken, beobachtet Foth. Wenn das nicht nachahmenswert ist!

Silke, Du sprichst öfter über männliche Rituale in der Arbeitswelt. Was genau sind Rituale?
Rituale sind sich oft wiederholende Verhaltensweisen, die bewusst oder unbewusst erfolgen können. Ein Ritual wird immer in derselben Art und Weise zu denselben Events gemacht, beispielsweise ein Begrüßungs-Ritual oder die Firmen-Weihnachtsfeier. Rituale sind wichtig, denn sie schaffen Bindung, Vertrauen und Identifikation. Man hat beispielsweise in verschiedenen Firmen liebgewonnene Rituale wie die Betriebsweihnachtsfeier, das Firmen-Sommerfest oder in Bayern das Weißwurst-Frühstück abgeschafft, weil sie vermeintlich zu teuer waren. Das war aber ein großer Fehler, denn solche Rituale sind eine Wertschätzung des Arbeitgebers gegenüber seinen Mitarbeitern. Mit einer Zeitverzögerung von 1,5 bis 2 Jahren ließen dann Bindung und Identifikation mit dem Arbeitgeber dramatisch nach. Dieser Effekt war messbar. Bei dieser Untersuchung wurde übrigens noch etwas festgestellt: Was übrig blieb, gerade in stark hierarchisch organisierten Unternehmen mit 5 bis 7 Hierarchie-Ebenen, also einer klassischen Konzern-Struktur: Reine Status- und Macht-Inszenierungs-Rituale blieben. Es wurde sich also ständig gemessen. Aber Kooperations-Rituale gab es nur noch ganz wenige.

Wieso gibt es speziell in der Arbeitswelt so viele männliche Rituale, wo doch vermutlich die meisten Firmen davon ausgehen, dass bei ihnen Gleichberechtigung herrscht?
Da müssen wir einen Ausflug in die Geschichte machen. Männer durften immer schon arbeiten und Unternehmen gründen. Gerade in den Führungspositionen sehen wir auch heute noch, dass es wesentlich mehr Männer als Frauen gibt. Erst seit 1958 dürfen Frauen ein eigenes Konto führen, und bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn sie das mit ihren Haushalts-und Familienpflichten vereinbaren konnte. Daher haben Frauen bei uns historisch Nachteile, und das ist auch der Grund, warum bei uns auch heute noch in den Führungsetagen der Unternehmen mehr Männer als Frauen sitzen. Der Frauenanteil ist tendenziell umso geringer, je höher die Position und je größer das Unternehmen ist. Im September 2019 waren in den Vorständen der 160 größten deutschen Börsenunternehmen 90,7% Männer und nur 9,3% Frauen. Männer nehmen tatsächlich an, dass das Thema Gleichberechtigung kein Thema mehr sei. Es gibt eine Untersuchung vom Consulting-Unternehmen Accenture, die zu dem Ergebnis kommt, dass jeder 2. Mann die Geschlechtergerechtigkeit für nahezu hergestellt hält. Aber sehen Sie sich die Zahlen an: 54% der Abiturienten in Deutschland und 48% der Studierenden sind weiblich. Im Fachbereich Medizin sind sogar 66% der Studierenden weiblich. Aber es gibt nur 10% weibliche Chefärzte. Und an den deutschen Hochschulen sind nur 23% der Professoren weiblich.

Kann man sagen, ob männliche Rituale als solches gut oder schlecht sind?
Es geht bei Ritualen nicht um gut oder schlecht. Männliche und weibliche Rituale sind einfach nur anders. Man sollte sie aber kennen und wahrnehmen. In klassischen, hierarchischen Unternehmens-Kulturen, die männer-dominiert sind, wird bei Meetings z.B. erst die Hackordnung geklärt. Zunächst wird der Status geklärt, bevor es um die Sache, zum eigentlichen Thema des Meetings, geht. Frau kann das beobachten: Da geht es um das neue Mountain-Bike oder das Auto, die Fehlentscheidung vom Fußballtrainer am Wochenende… halt darum, wer ein bisschen schlauer ist.

Wie sollte eine Frau darauf reagieren, wenn sie solche männlichen Rituale bemerkt und lieber zum eigentlichen Thema kommen möchte?
Es wäre nicht gut zu sagen „ich habe nicht so viel Zeit, lassen Sie uns mal zum Thema kommen!“ Besser ist ein Satz wie: „Sie scheinen in dem Thema ein absoluter Experte zu sein, darf ich auf Sie zukommen, wenn ich dazu einmal eine Frage habe?“ Dann weiß er, sie hat gemerkt dass ich großartig bin, und man kann zum eigentlichen Sachthema übergehen.

Wenn die Klärung der Hackordnung ein typisches männliches Ritual ist, was sind denn weibliche Rituale?
Weibliche Rituale sind darauf ausgelegt, dass man sich auf gleicher Augenhöhe begegnet. Sie sind beziehungs-freundlich. Wenn beispielsweise drei Frauen zusammen sprechen und eine vierte kommt hinzu, wird der Kreis größer gemacht; die neue Person wird inkludiert.

Und was ist mit der viel zitierten Stutenbissigkeit?
Natürlich gibt es auch Rivalität und Konkurrenz unter Frauen. Aber das Kommunikationsmuster ist bei ihnen subtiler. Die machen das über Bande. Insgesamt ist es aber unter Frauen weniger ausgeprägt, sich direkt zu messen. Wer ist schlanker? Wer hat die teurere Handtasche? Das findet nicht so direkt statt.

Du hast etwas von einer 30%-Grenze für Minderheiten gesagt. Was hat es damit auf sich?
Das kommt aus dem Forschungsfeld Diversität und bezieht sich auf die Heterogenität einer Gruppe hinsichtlich Geschlecht, Alter, Nationalität, also dem kulturellen Hintergrund, Persönlichkeit, Ausbildung, und so weiter. Je diverser ein Team ist, umso erfolgreicher ist es, denn umso mehr arbeitet die Gruppe am Ziel und an der Sache. Diverse Teams sind wesentlich erfolgreicher als homogene Teams, weil sie die Dinge aus mehreren Perspektiven betrachten. Sonst besteht die Gefahr, dass wir alle denselben Film im Kopf haben. Wenn man 30% Vielfalt in einer Gruppe hat, verändert sich die Kultur, hin zu mehr Ergebnis-Orientierung. Bei homogenen Gruppen gibt es verstärkt Status- und Machtrituale, weil Menschen nun mal das Bedürfnis haben, sich zu unterscheiden.

Kannst Du ein paar Beispiele für männliche Rituale in der Arbeitswelt geben?
Eins ist das Huldigungs-Ritual in Meeting-Situation, das besonders in hierarchisch geprägten Kulturen sehr ausgeprägt ist. Wenn ein Meeting zu Ende ist, gehen viele der männlichen Teilnehmer zum Alfa-Tier und huldigen ihm. Sie stellen sich an, um dem Silber-Rücken zu sagen: „Was Sie gesagt haben, ist ein phantastisches Konzept! Meine Unterstützung haben Sie.“ Sie gehen dort sozusagen mit ihrer Visitenkarte hin und markieren.

Und was machen Frauen?
Die meisten Frauen, aber auch einige Männer, schauen statt der Huldigung auf ihre Uhr und haben im Auge, dass sie noch ihre eigentliche Arbeit machen müssen. Das sind die klassischen Fleißbienen, und darunter gibt es wohlgemerkt auch Männer. Die machen die eigentliche Arbeit, aber kommen in ihrer Karriere nicht so gut weiter wie die Huldiger. Diese sind nämlich sichtbar, bekommen mehr Anerkennung vom Alfa-Tier und werden eher befördert. Daher schauen Nicht-Huldiger meistens sehr abschätzig auf die Huldiger.

Gibt es ein ähnliches Ritual unter Frauen?
Ja, Frauen tun etwas ähnliches, sie machen sich gegenseitig Komplimente. „Die Farbe steht Dir gut“ oder „Tolles Outfit!“ Sie wollen damit aber nicht huldigen, sondern eine gleiche Augenhöhe herstellen.

Wie sollten Frauen darauf reagieren, wenn ihnen männlichen Rituale auffallen und sie im eigentlichen Thema vorankommen wollen?
Frauen sollen nicht die männlichen Rituale kopieren. Die gute Nachricht ist: Die Alfa-Männer erwarten das auch nicht von Frauen. Von ihnen wollen sie lieber echtes Feedback und können das von einer Frau auch annehmen. Um sichtbar zu sein, sollten aber auch Frauen zum Alfa-Mann gehen. Dort sollten sie statt zu huldigen Feedback geben, beispielsweise so: „Dies und das fand ich sehr gut. Punkt YX sehe ich aus meiner Expertise heraus anders. Ich freue mich sehr, wenn wir uns dazu noch einmal austauschen können.“ Das ist strategisch gut, denn so kommen wir zu einem Folgetermin.

Macht Frau sich unbeliebt, wenn sie die Existenz von männlichen Ritualen anspricht?
Wenn ich mit Männern über die männlichen Rituale spreche sagen die: „Ja, genau so läuft’s! Was ist daran schlimm?“ Sie kennen also die Rituale und finden sie normal. Daher kommt es darauf an, wie Frau solche Rituale anspricht. Das darf keine „Du Depp-Botschaft“ sein, sondern sollte völlig wertneutral formuliert werden, oder noch besser: humorvoll! Mit Humor und einer Muster-Unterbrechung können wir Rituale auf eine wertschätzende Art und Weise ansprechen. Frauen sollten auch wissen, dass diese Rituale nicht gegen sie persönlich gerichtet sind, sondern einfach nur unreflektierte automatisierte Sozialformen der Selbstdarstellung, des Testens und Messens unter Männern.

Gibt es auch weibliche Rituale, die Männer ausschließen?
Weibliche Verhaltensmuster laufen eher auf Inklusion hinaus. Frauen integrieren lieber als dass sie exkludieren. Wenn eine Traube von Frauen über irgendwas redet, ist es oft so, dass ein Mann da gar nicht erst hin geht. Aber wenn es dazu kommt, machen die Frauen den Kreis auf und integrieren ihn.

So wie Frauen das eine oder andere männliche Ritual lästig finden, gibt es auch weibliche Rituale, die Männer stört?
Ja, Männer stört oft, dass Frauen sich gern rechtfertigen und Begründungen für ihr Verhalten abgeben. Statt „nein geht nicht“, bringt eine Frau dann auch gleich viele Begründungen, warum es nicht geht. „Geht nicht“ hätte einem Mann völlig gereicht. Und was Männer auch lästig finden ist der oft zu beobachtende Deko-Wahn von Frauen.

Was rätst Du Frauen in der Arbeitswelt? Wie sollen sie sich verhalten?
Frauen sollten diagnostizieren: Was ist gegen mich persönlich gerichtet, und wobei handelt es sich nur um ein Ritual? Dazu müssen wir unsere Ritual-Kenntnisse schärfen. Es ist auch wichtig, dass wir uns über unsere eigenen Ziele und Kompetenzen im Klaren sind. Dabei hilft z.B. ein Erfolgs-Tagebuch, in dem wir uns kurz notieren: Was ist mir gut gelungen diese Woche? Menschen, die ihre Erfolge dokumentieren, verdienen bis zu 30% mehr als ihre Kollegen, die das nicht tun – das ist doch was! Frauen sollten sehen, dass sie eher Regisseurin statt Opfer sind, also nicht sagen „Ich kann da nichts ändern“, sondern überlegen, wie wir die Situation zu unseren Gunsten ändern können. Und dann ist da natürlich der Hang zum Selbstzweifel, den viele Frauen haben. Eine Frau will alles 100%-ig tun und können, und dieser Hang zum Perfektionismus ist auf Dauer aufreibend. Es wird immer wieder belegt: Männer bewerben sich auf einen Posten, wenn sie 45 bis 60% der Kriterien erfüllen, und Frauen erst ab 85%. Wir müssen also raus aus der Underconfidence-Falle. Wir sollten dabei auch mehr Selbstmarketing betreiben, nach dem Motto „Tue Gutes und rede drüber!“ So bringen wir unsere Leistung positiv ins Gespräch.

Hast Du Tipps, wie wir uns am besten in Meeting-Situationen verhalten?
Bei Meetings sollten wir darauf achten, dass wir sowohl optisch als auch akustisch Raum einnehmen. Frauen nehmen sich aber oft zurück, machen sich klein, reden wenig und das auch noch relativ leise. Status und Sichtbarkeit gehen aber einher. Wichtig ist auch, dass wir Networking betreiben, dass wir uns verbinden und verbünden. Da können wir von den Männern einiges abschauen!

Vielen Dank für das Gespräch, Silke!

P.S.: Wir verlosen 3 Exemplare des Buchs „Erfolgsrituale für Business-Hexen“ von Silke Foth. Schickt uns ein Beispiel für ein prägnantes oder lustiges männliches Ritual an info@fondsfrauen.com, das Euch aufgefallen ist. Die Drei, die uns die besten Ideen schicken, werden von uns benachrichtigt und erhalten ein Buch zugeschickt.

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Silke Foth
studierte Psychologie, Soziologie und Pädagogik an der Ludwig Maximilian Universität München. Sie ist

– systemische Beraterin & Coach
– Ausbilderin für systemisches Coaching & Mentoring
– Expertin für Diversity-Management
– Autorin des Buchs „Erfolgsrituale für Business-Hexen“

Kontakt: www.silke-foth.de

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