Angesichts der politischen und rechtlichen Entwicklungen - insbesondere in den USA – haben die Fondsfrauen eine Umfrage durchgeführt. Sie wollten wissen, wie Frauen in der Finanzbranche die Entwicklung der letzten 12 Monate für ihre eigenen Karrieremöglichkeiten wahrnehmen. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen in Junior-Positionen erfahren, dass es mit ihrer Karriere aufwärts geht. Je höher der Level, desto kritischer sehen die Frauen zum einen die Unternehmenskultur und zum anderen ihre eigenen Karrierechancen.

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Wichtigste Erkenntnisse

  • Erfahrung ernüchtert: 94% der Juniorinnen erleben ihre Unternehmenskultur als unterstützend – bei den Seniors sind es nur noch 48%. Je mehr Berufserfahrung, desto skeptischer die Einschätzung zur eigenen Unternehmenskultur.
  • Die Teamleitungs-Falle: Teamleitungen sind bei allen vier Fragen die kritischste Gruppe. Genau dort, wo Frauen Führung übernehmen, ist der strukturelle Gegenwind am stärksten.
  • Transparenz als blinder Fleck: Nur 30% finden Beförderungsprozesse in ihrem Unternehmen transparent und fair. Intransparenz begünstigt Willkür – und Willkür benachteiligt systematisch.
  • Stagnation ist keine Neutralität: 50% berichten unveränderte Karrierechancen. In einem ungleichen System bedeutet Stillstand: Die Ungleichheit bleibt bestehen.

Hintergrund der Umfrage: Man spürt den schärferen Wind aus den USA

Dass auf dem diesjährigen Fondsfrauen-Gipfel erstmals eine Umfrage unter den Anwesenden durchgeführt wurde, lag an der besonderen Situation der Frauen: Die politischen und rechtlichen Entwicklungen – insbesondere in den USA – führen dazu, dass viele international tätige Unternehmen ihre Diversity-Strategien anpassen. „Insgesamt beobachten wir, dass Gender Diversity in vielen Organisationen zurückhaltender kommuniziert wird und Zielvorgaben teilweise reduziert werden. Das sehen wir kritisch.“, erklärt Anne Connelly, Co-Founderin und Geschäftsführerin der Fondsfrauen auf dem Gipfel-Event. Sie argumentiert, dass diversifizierte Teams allen zugutekommen: Den Unternehmen, den Mitarbeitenden – Männern wie Frauen.

Über alle Hierarchieebenen hinweg sehen Frauen in der Finanzbranche gute Karrierechancen für sich

Die Umfrage soll zu Tage fördern, wie Frauen aus der Finanzbranche die geänderte Stimmung wahrnehmen. 246 der anwesenden rund 500 Gipfel-Teilnehmerinnen nahmen an der Befragung teil.

Auf die Frage, wie sich die eigenen Karrierechancen im Unternehmen in den letzten Monaten verändert haben, antworteten die Hälfte (50,0%) mit „unverändert“. Mehr als ein Viertel (27,63%) sieht die eigenen Karrierechancen verbessert („deutlich verbessert“ oder „eher verbessert“). Interessant ist, dass insbesondere Selbstständige ihre Entwicklungsmöglichkeiten als gut einschätzen. Keine einzige von ihnen meldet verschlechterte Chancen.

Dennoch gibt etwa jede fünfte Frau (19,5%) an, dass sich ihre Karrierechancen verschlechtert haben („eher verschlechtert“ oder „deutlich verschlechtert“).

„Fast jede fünfte Frau erlebt eine Verschlechterung ihrer persönlichen Karrierechancen. In einem Arbeitsmarkt, der Chancengleichheit verspricht, ist das nicht akzeptabel.“, sagen die Fondsfrauen.

In höheren Positionen melden Frauen Verschlechterungen ihrer Karrierechancen

Gräbt man tiefer und unterteilt die Aussagen nach der Position der Antwortenden, trübt sich das Bild ein. Insbesondere Teamleitungen melden eine Verschlechterung ihrer Karrierechancen (29%). „Genau dort, wo Frauen erstmals Führungsverantwortung übernehmen – in der Teamleitung – ist der Gegenwind am stärksten. Hier muss gegengelenkt werden.“, sagen die Fondsfrauen.

Auch in den höheren Positionen (Senior und Professional) zeigt sich die berühmte Glass Ceiling deutlich. Bei den Frauen auf Geschäftsleitungs-Ebene stellen ein Drittel (33%) der Frauen fest, dass ich ihre Karrierechancen in den letzten 12 Monaten verschlechtert haben. Hier sehen die Frauen am häufigsten eine Stagnation ihrer Chancen. „Stagnation in einem ungleichen System ist kein neutraler Zustand. Sie bedeutet, dass sich das ungerechte System manifestiert und trotz vieler gut gemeinter Maßnahmen nicht ändert.“, sagen die Fondsfrauen.

Viele erhalten zwar mehr Verantwortung, aber ohne entsprechenden Gehalts- oder Titelsprung

In der Finanzbranche erleben offenbar viele weibliche Mitarbeiter (65%) positive Veränderungen ihres Karriere-Umfelds, die sich aber nicht immer durch eine klare Beförderung oder Gehaltserhöhung manifestiert. Nur jede fünfte Frau (21,5%) schafft eine formale Beförderung. 43,5% erhalten zwar mehr Verantwortung bzw. Sichtbarkeit, aber ohne dass dies mit einem Gehalts- oder Titelsprung verbunden ist. „Sichtbarkeit gilt als Erfolg, obwohl sie selten mit Gehalts- oder Titelsprung verbunden ist. Das bedeutet, Frauen wird zugetraut, mehr zu arbeiten oder bei Projekten oder Präsentationen ihr Unternehmen zu repräsentieren, aber ohne dafür angemessen kompensiert zu werden.“, kritisieren die Fondsfrauen.

Ein Viertel der Befragten (25,2%) erlebten keine positiven Veränderungen im letzten Jahr, und 7,7% sogar eine negative Veränderung. Hierzu gehören beispielsweise verpasste Chancen oder Rückschritte.

Selbständige stechen bei der Frage nach der persönlichen Veränderung heraus. Von ihnen sehen 100% ihre Chancen als verbessert an.

Frauen in eher Junior Positionen fällt auf, dass sie im letzten Jahr häufiger (67%) eine positive Veränderung ihrer Karriere erlebt haben. Die Fondsfrauen kommentieren dies: „Dort, wo Hierarchien weniger greifen, gelingt Entwicklung offenbar besser.“

Bei der Transparenz der Beförderungs-Prozesse wird noch Verbesserungspotenzial gesehen

An der Transparenz bei Beförderungen und Besetzungen könnten die Unternehmen noch arbeiten. Den Satz „Beförderungen und Besetzungen laufen bei uns transparent und fair“ unterschreiben nur weniger als ein Drittel der Befragten (10% ‚Stimme voll zu‘, 20% ‚Stimme eher zu‘). Gut zwei Drittel äußern sich neutral bzw. negativ (35% ‚teils-teils‘, 35% ‚eher nicht‘ bzw. ‚gar nicht‘).

Wenn man auch hier die Position mitberücksichtigt, zeigt sich, dass Juniorinnen (50% Zustimmung) die Fairness deutlich besser bewerten. Teamleitungen sind dagegen die kritischste Gruppe: Hier sagen 50% ‚eher nicht‘ oder ‚gar nicht‘. Das ist genau die Ebene, auf der die meisten Beförderungsentscheidungen getroffen werden. Auch die Geschäftsleitungs-Ebene sieht Transparenz und Fairness kritisch. Hier sagt ein Drittel (34%) der Befragten, dass es nicht gut läuft (27% ‚eher nicht‘, 7% ‚gar nicht‘).

„Am Anfang läuft es mit der Karriere, Frauen erhalten Beförderungen innerhalb des Junior-Levels und nach dem Berufseinstieg auch Gehaltserhöhungen. Die Skepsis gegenüber dem System wächst mit der Erfahrung. Wenn es so ist, dass diejenige, die das System länger kennt, ihm weniger vertraut, ist das ein alarmierendes Muster.“, machen die Fondsfrauen deutlich.

Unternehmenskultur wird unterschiedlich wahrgenommen

Die Unternehmenskultur wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Hier kann es offenbar zu einer Diskrepanz zwischen kommuniziertem Anspruch und gelebter Wirklichkeit kommen.

Zum Satz „Die Kultur bei uns unterstützt weibliche Karrieren“ sagen etwas mehr als die Hälfte (51,2%) Ja oder Eher ja. Hier stechen die Juniorinnen mit 94% positiver Wahrnehmung hervor. Zu einem Einbruch kommt es beim Professional-Level: Hier sagen nur noch 42% Ja oder Eher ja.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung auf den verschiedenen Leveln kommentieren die Fondsfrauen: „Jungen Frauen kann man vielleicht mit schönen Events speziell für weibliche Mitarbeiter Freude bereiten. Mit zunehmender Erfahrung lernen Frauen, was Unternehmenskultur in der Praxis wirklich bedeutet. Dann reichen guter Wille und nette Events allein nicht aus, sondern es braucht belastbare Strukturen.“

Dies sieht man insbesondere an den Antworten der Frauen im C-Level: Hier sehen 67% die Kultur als positiv an, während 20% klar Nein dazu sagen — die stärkste negative Minderheit aller Stufen. „An der Spitze entscheidet sich, welche Kultur wirklich gelebt wird.“, kommentieren die Fondsfrauen.

Auch wenn sich Richtung Gender-Diversity getan hat: Es bleibt noch einiges zu tun

Insgesamt lassen sich die Umfrageergebnisse so zusammenfassen: Viele Unternehmen haben spezielle Frauenprogramme oder Events für ihre weiblichen Mitarbeiterinnen eingeführt. In Junior-Positionen erfahren Frauen auch, dass es mit ihrer Karriere aufwärts geht. Je höher der Level, desto kritischer sehen die Frauen zum einen die Unternehmenskultur und zum anderen ihre eigenen Karrierechancen. Das ist logisch, da es nur wenige Positionen an der Spitze gibt und sich daher der Wettbewerb verschärft. Daher ist gerade hier wichtig, dass Beförderungen und Besetzungen transparent und fair verlaufen, sonst werden Nicht-Beförderungen schnell als „Glass Ceiling“ wahrgenommen.

Zur Umfrage:
Zeitraum: März 2026, anlässlich des Fondsfrauen-Gipfels 2026
Teilnehmerinnen: 246 Frauen aus der Finanz- und Investmentbranche
Methode: Digitale Umfrage mit 4 geschlossenen Fragen zu Karrierechancen, persönlicher Entwicklung, Transparenz und Unternehmenskultur

Hier geht es zu den Umfrageergebnissen.

Foto: Toni Hofmann

 

Profilbild von Anke Dembowski

Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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