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Familienunternehmen: Traditionsreich und frauenarm

Viele positive Eigenschaften werden deutschen Familienunternehmen zugeschrieben: Traditionsbewusst, anpassungsfähig, innovativ, werte-orientiert. Eins sind sie aber offenbar nicht: Weiblich.

Nur 7% Frauen in den Geschäftsführungen der 100 größten Familienunternehmen
406 Männer und 30 Frauen arbeiteten am 1. März 2020 in den Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familienunternehmen. Das entspricht einem Frauenanteil von 6,9%. Das ist das Ergebnis der jüngst erschienenen Untersuchung der deutsch-schwedischen Allbright-Stiftung, die sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzt. Bei den 160 an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen beträgt der Frauenanteil immerhin 10%, was auch noch nicht die Welt ist, und bei den 30 DAX-Unternehmen liegt er bei 15%

Nur 29 der 100 größten deutschen Familienunternehmen haben überhaupt eine Frau in der Geschäftsführung, und es gibt nur ein einziges Unternehmen mit mehreren Frauen in der Geschäftsführung (B. Braun Melsungen). In nur zwei der großen Familienunterneh­men sind weibliche Familienmitglieder Vorsitzende der Geschäftsführung: B. Braun Melsungen und Trumpf.

Je privater das Unternehmen, desto niedriger der Frauenanteil
Offenbar wirkt die öffentliche Erwartungshaltung positiv auf den Frauenanteil: Je höher die Transparenz des Unternehmens und der Einfluss familienfremder Akteure, desto höher ist auch der Frauenanteil in der Geschäftsführung. 20 der 100 größten deutschen Familienunternehmen sind an der Frankfurter Börse notiert und die Familie hält dort einen signifikanten Anteil der Aktien (z. B. BMW, Continental, Henkel, Merck oder Volkswagen). Die Hälfte dieser börsennotierten Familienunter­nehmen hat eine Frau in der Geschäftsführung (10 von 20), bei den privaten Familienunternehmen ist es weniger als ein Viertel (19 von 80).

Ähnlich ist die Beobachtung bei den Aufsichtsräten/Verwaltungsräten: Hier liegt der Frauenanteil in den Familienunternehmen insgesamt bei 24,5%. Dabei haben die börsennotierten Familienunternehmen einen Frauenanteil von 35% in den Aufsichtsräten, die privaten erreichen nur 17,8%.

Lange Tradition und lange Zugehörigkeit
Die meisten der 100 größten deutschen Familienun­ternehmen sind bereits in der zweiten, dritten oder vierten Generation in Familienhand, mehr als die Hälfte ist über 100 Jahre alt. Nur vereinzelte Unter­nehmen sind noch von ihren Gründern geführt, die Mehrzahl wird von angestellten Geschäftsführern oder einer Kombination aus Familienmitgliedern und externen Managern geführt. So heterogen diese Strukturen sind, so homogen ist jedoch die Gruppe der Personen an der Spitze dieser Unternehmen.

Die Mitglieder der Geschäftsführung prägen die Familien­unternehmen in der Regel über einen längeren Zeitraum als ihre Kollegen in den 160 Börsenunternehmen: das durchschnittliche Geschäftsführungsmitglied in Familien­unternehmen ist dort bereits seit 2012 aktiv (in Börsenunternehmen: seit 2014). „Dienstältester“ ist Erwin Müller, Gründer der Drogeriemarktkette Müller, der bereits seit 1953 an der Spitze seines Unternehmens steht.

Familien rekrutieren nach Loyalität
Das personelle Veränderungstempo ist in den Familienunternehmen also etwas niedriger. In der Regel entschei­det die Familie darüber, wann und mit wem das operative Management besetzt wird. Hauptziel ist dabei meist nicht die kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern ein vertrauensvolles Verhältnis und Loyalität als Basis für eine langjährige Zusammenarbeit entsprechend den Werten und Prioritäten der Familie. So „spielen persönliche, teils sehr exklusive Netzwerke, in denen kaum Frauen vorkommen, eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung von Mitgliedern der Geschäftsführung – ebenso wie eine tradierte, immer gleiche Rekrutierungsschablone“, schreibt die Allbright-Stiftung in ihrem Bericht.

Bei dieser Rekrutierungspraxis ist es jedoch wahrschein­lich, dass gar nicht die Besten in der Führung landen – sondern vor allem die immer Gleichen und es entsteht eine extreme Homogenität: die Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familienunternehmen sind sehr männlich, sehr deutsch und auch schon etwas älter. Der westdeutsche Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur Mitte Fünfzig prägt ihre Chefetagen noch viel stärker als in den Börsenunternehmen.

„Das führt jedoch zu einem begrenzten Blickwinkel und Erfahrungshintergrund dieser Geschäftsführungen“, kommentiert die Allbright-Stiftung die Studien-Ergebnisse und ergänzt: „Für die Weiterentwicklung der Unternehmen sind gerade im heutigen stark veränderlichen Umfeld unterschiedliche Hintergründe und Perspektiven besonders wichtig: Vielfältig zusammengesetzte Führungsteams haben eine höhere Innovationskraft und treffen am Ende die besseren und profitableren Entscheidungen.“

Umdenken setzt ein
Eine Veränderung bei den Familienunternehmen zeichnet sich allerdings ab: Die Neubesetzungen im vergangenen Jahr (März 2019 bis März 2020) waren deutlich weiblicher und internationaler als die bestehenden Geschäftsführungen: 22% der Neurekrutierungen in den Geschäftsführungen der 100 größten deutschen Familienunternehmen waren Frauen, 26% kamen aus dem Ausland. Ein Teil der Unternehmen ist sich also des Defizits bewusst und beginnt, gegenzusteuern.

Wenn Frauen aus der Familie mitbestimmen, gib es häufiger Frauen in der Geschäftsführung
Wie viel Einfluss die Familien weiblichen Familien­mitgliedern zugestehen hat auch einen Einfluss darauf, wie viele (auch familienfremde) weibliche Managerinnen für die Geschäftsführungen rekru­tiert werden: Je mehr weibliche Familienmitglieder aktiv im Unternehmen mitwirken, desto häufiger sind auch andere Frauen in entscheidenden Positionen des Unternehmens vertreten. 42% der Unternehmen mit weiblichen Familienmitgliedern im Kontrollorgan haben eine Frau in der Geschäftsführung. Bei den Unternehmen ohne weibliche Familienmitglieder im Kontrollorgan sind es nur 22%. Es wäre also ein guter Anfang, wenn die Familien zumindest ihre weiblichen Mitglieder ermutigten, in den Aufsichtsrat zu gehen. Schon allein das wird eine positive Wirkung entfalten.

Titelfoto: Wiebke Ankersen & Christian Berg, Geschäftsführer der AllBright Stiftung (zur Verfügung gestellt von der Allbright Stiftung)

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