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„Die Kinderbetreuung im Krankheitsfall ist ein Riesen-Thema“

Dr. Christine Bernhofer ist seit Oktober 2016 Geschäftsführerin der Swiss Life KVG. In ihren Verantwortungsbereich fallen neben Strategie und Rechnungswesen auch Controlling, Recht, IT, Personal sowie die Weiterentwicklung der Kapitalverwaltungsgesellschaft. Fondsfrau Anke Dembowski führte mit ihr zwei Interviews. Im ersten ging es um Frauen in der Fondsbranche, speziell im Immobilien-Bereich. In diesem zweiten Interview spricht Frau Dr. Bernhofer über notwendige Talente in der Fondsbranche und über das Thema Job und Familie, und wie Unternehmen ihren Mitarbeitern hier entgegenkommen können.

Frau Dr. Christine Bernhofer, außer extrovertiert zu sein, welche Ausbildung und welche Talente sollte man noch mitbringen, um Geschäftsführerin einer KVG zu werden? Und welche Ausbildung haben Sie persönlich?
Natürlich muss man sein Geschäft von der Pike auf kennen, das gibt Sicherheit. Sonst fühlen wir Frauen uns ja oft nicht wohl. Ich könnte morgen meine Fonds selbst buchen, wenn das notwendig wäre. Aber extrovertiert muss man tatsächlich sein. Ich sehe das immer wieder in Bewerbungsgesprächen. Ich frage „Können Sie Englisch?“ Männer antworten dann „Klar, fließend!“ Wenn ich das Gespräch auf Englisch weiterführe, stottern Männer dann oft ganz schön herum. Frauen sagen eher: „Naja, mein Englisch ist schon etwas eingerostet“. Wenn ich dann mit ihr spreche, parliert die Frau ganz flüssig auf Englisch. Mehr Selbstbewusstsein würde Frauen gut stehen, auch wenn sie vielleicht nur 80 % wissen. Außerdem braucht man Entscheidungsfreude, auch auf die Gefahr hin, dass eine Entscheidung mal nicht richtig ist. Entscheidungen werden ja oft unter Unsicherheit gefällt, und das fällt vielen Frauen schwer. Man kann sich nicht immer zu 100 % nach jeder Seite absichern. Bei mir ist es so, dass ich richtig Lust habe, Entscheidungen zu treffen!

Können Sie ein Beispiel für eine schwierige Entscheidungen nennen?
Als wir bei einer meiner früheren Tätigkeiten einen Fonds schließen mussten, das war eine sehr schwierige Entscheidung. Noch schwieriger war allerdings der Entscheid, wann man ihn wieder öffnen sollte. So etwas kann schief laufen, weil man nicht weiß, wie die Kunden reagieren. Natürlich ist es hier hilfreich, wenn man nah an seinen Kunden dran ist. So kam es, dass wir unseren Fonds in der 2. Augustwoche wieder öffnen konnten, nachdem wir ihn im Jahr zuvor im Oktober geschlossen hatten, wie alle anderen auch.

Welche Talente benötigt man noch – außer Entscheidungsfreude?
Die ganz normalen Management-Qualitäten: Tue was Du sagst! Sag dem Kunden nur das zu, was Du auch halten kannst! Sonst ist es für Frauen kein Erfolgsmodell. Am Ende ist die Klarheit und die Ehrlichkeit, was geht und was nicht, wichtig. Dabei muss man leider auch die nicht so schönen Nachrichten vernünftig überbringen und nicht warten, bis sie einen einholen.

Wie viele Frauen sind bei Swiss Life KVG und der Corpus Sireo Real Estate in den Führungsetagen?
Bei Corpus Sireo ist in der obersten Führungsebene keine Frau, und in der zweiten Ebene sind unter 15 Mitarbeitern zwei Frauen. In der KVG sind wir zwei männliche Kollegen und ich. Ich stelle Mitarbeiter ein, die zum jeweiligen Zeitpunkt die passende Qualifikation haben und ihre Sache verstehen. Das Geschlecht spielt bei der Auswahl keine Rolle. Aber es ist halt so, dass bei Neu-Einstellungen der Pool an Männern einfach größer ist als der an Frauen. Die Frauen müssen sich auch mal melden, so wie z.B. Carmen Reschke. Sie kam auf mich zu, als wir die KVG neu gegründet hatten, und sagte, dass sie gern nochmal einen KVG-Startup begleiten würde. Hier kommen wir wieder auf den Punkt: Frauen müssen einfach sagen „Hallo, hier bin ich!“

Ist das auch so bei Gehaltsverhandlungen?
Ja, natürlich! Da ist man ja als Mitarbeiter immer zu teuer. Bei solchen Aussagen müssen wir Frauen lernen zu kontern: „Ja genau. Und ich bin jeden Cent Wert!“ Wir dürfen dabei auch nicht auf jeden Bluff reinfallen, wenn der Chef z.B. sagt „Das bekomme ich aber am Markt viel günstiger.“ Leider kommt die Selbstsicherheit, die dazu notwendig ist, oft erst mit dem Alter. Ich persönlich handle neue Mitarbeiter nie runter. Sie starten ja sonst schon mit einem Frust-Erlebnis, wenn sie sich von Anfang an unterbezahlt vorkommen.

Sie sind schon lange in der Investmentbranche tätig – können Sie eine Entwicklung erkennen, wie es um Frauen in den Führungsetagen bestellt ist?
Ich sehe da eindeutig eine positive Tendenz; es gibt mehr Frauen in Führungsetagen. Denken Sie an Frauen wie Barbara Knoflach oder Kerstin Lauerbach! Man merkt das auch bei Veranstaltungen. Je teurer eine Veranstaltung ist, desto eher sind dort Leute aus dem High Level-Bereich, beispielsweise bei der ZIA-Tagung oder der Expo Real. Bei beiden Veranstaltungen sind jetzt auch spürbar mehr Frauen, wobei wir natürlich noch lange nicht bei 50:50 sind. Man merkt dies auch an den Schlangen vor der Damen-Toilette! (lacht). Auch bei unseren Trainees stelle ich fest, dass darunter mehr Frauen sind als noch vor einigen Jahren.

Aber Frauen sind immer noch deutlich unterrepräsentiert, insbesondere in Führungspositionen.
Ja, aber man muss auch fragen, ob das tatsächlich nur an den Unternehmen liegt. Bei vielen Frauen kommt einfach in einem bestimmten Alter das Thema Familie hinzu. Es ist zwar derzeit Trend, dass die Frauen nach kürzester Zeit wieder Vollzeit arbeiten. Viele zerreißen sich aber dabei. Man muss sich schon fragen, ob man wirklich einfach die Kinder irgendwo abgeben möchte.

Sie scheinen aus eigener Erfahrung zu sprechen…
Ja, ich habe drei Stiefkinder, und die Oma wohnt direkt über uns. Das ist einfach Gold wert, zum Beispiel wenn die Kinder krank sind. Die Kinderbetreuung im Krankheitsfall ist ein Riesen-Thema, und Sie kriegen das nur durch privates Backoffice gelöst. Denn in der Sekunde wo die Kinder krank sind, ruft der Kindergarten an, dass Sie das Kind abholen müssen. Und wo ruft er an? Im Regelfall bei der Mama! Wehe dem, der dann keine Oma hat!

Und wie wichtig ist mobiles Arbeiten?
Das ist auch ganz wichtig. Ich persönlich arbeite öfter im Homeoffice, denn von wo aus ich meine Telefonate führe, ist egal. Natürlich muss das zum Unternehmen und zu den betrieblichen Abläufen passen, und die Technik muss einwandfrei funktionieren. Aber bei vielen Unternehmen geht das mittlerweile. Das ist nicht nur für die Kinderbetreuung wichtig, sondern auch das Thema Verkehrsinfrastruktur spielt hier mit rein. Viele Mitarbeiter wollen erst um 10 Uhr ins Büro kommen, weil sie nicht jeden Tag zwei Stunden im Stau stehen wollen. Hier können Unternehmen viel tun. Bei uns z.B. wird nicht nur darüber gesprochen, sondern es wird auch gelebt. Weil ich z.B. die Möglichkeit nutze, vom Homeoffice aus zu arbeiten, trauen sich die anderen Mitarbeiter das auch. Ich habe nicht das Gefühl, dass das jemand ausnutzt.

Sie sprachen vorhin über Ihre drei Kinder. Es ist immer interessant zu hören, wie andere ihre Familie organisieren. Darf ich fragen, wie Sie das machen?
Unsere Kinder sind schon groß und daher weitgehend selbständig; sie sind 14, 17 und 20 Jahre alt. Wir alle machen den Haushalt, wobei jeder altersentsprechend seine Aufgaben hat. Wenn ich unterwegs bin, machen wir viel über Telefon und Whatsapp, oder abends mal über Video-Call. Ich nutze da alle technischen Möglichkeiten. So tauschen wir uns aus; die Kinder sind das gewohnt. Die Oma kocht jeden Tag für die ganze Familie. Zur Not kann mein Mann schnell nach Hause kommen, seine Arbeitsstätte liegt mit dem Rad 10 Minuten von unserem Haus entfernt. So geht’s.

Sie meinen also, dass man sein Umfeld entsprechend organisieren muss?
Auf jeden Fall! Im Zweifelsfall würde ich dahin ziehen, wo die Eltern wohnen. Sonst geht es nur sehr aufreibend mit Beruf und Kindern, oder man muss unendlich viel organisieren. Ich persönlich finde es angenehm, dass ich mit Einkaufen und Putzen nichts zu tun habe, da haben wir Hilfe. Aber gerade wenn man Karriere gemacht hat, verdient man ja auch entsprechend, so dass das machbar ist.

Geben Sie Ihren Ehrgeiz und Ihren Tatendrang auch an Ihre Kinder weiter?
Ich glaube schon. Wichtig ist mir, dass sie einen Plan im Kopf haben. Was ich nicht möchte ist, dass sie auf der Couch liegen und chillen. Aber wenn sie 90 Jahre alt werden, können sie ruhig auch mal ein oder zwei Jahre Work and Travel machen. Aber mit einem Plan im Kopf!

Vielen Dank für das gute Gespräch!

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