Veronika Lammer war Retail Research Manager bei der Raiffeisen Bank International AG in Wien und ist dort im Sommer 2021 in Pension gegangen. Wie sie den Übergang in ihr neues berufliches Leben gestaltet und wie sie über die Frauenquote denkt, darüber spricht sie mit Fondsfrau Anke Dembowski.

Veronika, Du hast eine tolle Karriere in der Finanzbranche gemacht. Erzählst Du uns, was Du in Deiner letzten Station bei der Raiffeisen Bank International gemacht hast?
Das Tolle an meiner Karriere war, dass ich inhaltlich so viele verschiedene Themen in der Tiefe kennen lernen konnte: von Aktienanalystin über Marktbeobachtung zu Portfoliomanagerin, Volkswirtin, Zins- und Währungsanalystin und Managerin. Bei Raiffeisen war ich seit 2008 Abteilungsleiterin für volkswirtschaftliche Analyse von Emerging Markets, Quantitative Analyse und Asset Allocation. Die letzten drei Jahre war ich Retail Research Managerin und habe für den österreichischen Raiffeisen-Sektor das Thema Research betreut. Dabei habe ich z.B. inhaltliche Vorträge über die Märkte, die Volkswirtschaft und so weiter gehalten.

Wie siehst Du die Branche? Ist sie wirklich so männer-orientiert, wie viele denken?
Insgesamt geht es auch heutzutage bei Banken sehr männerdominiert zu. Um das zu erkennen, braucht man sich nur mal die Bilder von den Vorständen anzuschauen – sehr viele Anzug-Träger!

Was ist denn das Problem? Warum sind bei Banken so wenige Frauen im Vorstand?
Das Bild des Bankmanagers ist in Österreich so männlich dominiert, dass Frauen da selten hineinpassen. Aber gerade weibliche Energie und weiblicher Verstand würden die notwendige Diversität in diese im Umbruch befindliche Branche bringen. Es gibt ja ausreichend Studien, die belegen, dass Unternehmen innovativer, stabiler und ertragreicher sind, wenn eine größere Anzahl an Frauen in zentralen Führungspositionen ist. Manche Vorstände scheinen zu hoffen, dass sich das nicht bis zu den Aktionären und Aufsichtsräten durchspricht.

Österreichische Banken machen viel Osteuropa-Geschäft. Dort sieht es ja ganz anders aus…
Ja, in Osteuropa sind mehr Frauen in Toppositionen im Bankensektor. Dort waren Frauen aber schon im Kommunismus gleichberechtigt und sie machen ihre Sache sehr gut. Und von unseren Führungskräften in Wien werden die Frauen in Osteuropa auch anerkannt. Das zeigt, dass es geht!

Welche Entwicklung konntest Du während Deiner Karriere in Sachen Diversity beobachten?
Ich habe Mitte der 80er Jahre angefangen zu arbeiten. Zu der Zeit gab es noch den „Bankbeamten“. Insofern hat sich schon einiges verändert. Ich konnte während der Zeit allerdings auch ein ziemliches Auf und Ab beobachten. In Zeiten, in denen es den Banken wirtschaftlich gut ging, stellten sie viele junge Frauen ein und boten auch Aufstiegschancen. Wenn es dann wirtschaftlich schwieriger wurde, waren die Frauen in der zweiten und dritten Reihe.

Und jetzt, wie sieht es derzeit aus?
Ich merke, dass bei den Banken hierzulande ein neuer Wind aufgekommen ist. Man gibt sich Mühe, Diversity stärker in den Vordergrund zu rücken. Ich glaube, das kam durch die Nachhaltigkeits-Diskussion; die hat zu einem gewissen Druck geführt, und ohne Druck scheint es nicht zu gehen.

Was können Unternehmen tun, um Frauen-Karrieren besser zu fördern?
Ich denke das geht nur mit fixen Quoten. Die sind notwendig, denn selbst wenn der Vorstand möchte, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen, dann gibt in den unteren Führungsrängen oft noch Widerstand. Die Quoten müssen verpflichtend sein und auch in den Bonus eingehen. Nur so bleibt es nicht bei einzelnen Vorzeigefrauen, sondern es kommen mehrere Frauen gleichzeitig in Führungspositionen. Die können sich dann gegenseitig unterstützen. Eine einzelne Frau ist sonst oft die Außenseiterin, und die Männer mauscheln unter sich. Ich denke, dass dafür mindestens eine Quote von 30%-40% notwendig ist, die auch schnell erreicht werden sollte, sonst ist es für die wenigen Frauen sehr einsam an der Spitze.

Was können Unternehmen noch tun, außer sich eine fixe Frauenquote zu geben?
Wichtig ist, dass man nicht nur sagt, man hätte gern mehr Frauen in den Führungsetagen, sondern das auch wirklich will. Denn wenn Frauen in Führungspositionen kommen, verändert sich das Klima im Unternehmen, es wird offener, sachorientierter und kooperativer. Und genau das muss man anstreben. Nur mit Pseudo-Aktionen funktioniert das nicht. Frauen merken das und wollen dann auch gar nicht erst für das Unternehmen arbeiten.

Was sollte die Politik tun, um Frauen-Karrieren besser zu fördern?
Die Quoten-Regelung für Aufsichtsräte, wie wir sie in Österreich und Deutschland haben, ist schon ein erster Schritt. 40% fände ich besser als 30%, aber 30% sind schon mal ein Anfang. In Österreich sollte auch eine Quote für Vorstände mit einem zeitlichen Limit für die Umsetzung eingeführt werden. Die Initiative in Großbritannien mit der „Woman in Finance Charter“ finde ich sehr gut. Dort wurde jetzt gerade ein 5-Jahres-Review gemacht, und im Resultat hat die Charta dort schon vieles bewirkt, sowohl in den Vorständen als auch in den Aufsichtsräten.

Wie fühlt es sich an, nach einem aktiven Berufsleben „in Pension“ zu sein?
Ich interpretiere mein Pensionseinkommen als bedingungsloses Grundeinkommen, und das gibt mir sehr viel Freiheit für meine sonstigen Projekte. Die genieße ich. Ich gehe jetzt auch öfter ins Fitness-Studio, und nehme mehr am kulturellen Leben teil, gehe noch öfter ins Theater und so weiter. Beruflich konzentriere ich mich auf meine Firma Financial Experts.

Worum geht es da?
Da geht es um Analyse und Training. Im Zentrum steht das Investment-Training, ein Seminar über die Zusammenhänge zwischen Volkswirtschaft und Finanzmärkten im Rahmen eines Computerplanspiels. Es basiert auf der Methode: Learning by Doing. Das biete ich schon seit 2004 mit großem Erfolg an, und dafür baue ich jetzt neue Kundengruppen auf.

Würden Dich jetzt auch Aufsichtsrats-Posten interessieren?
Ja natürlich – auch das! Schauen wir mal was sich ergibt.

Was möchtest Du jetzt noch tun? Wie sehen Deine persönlichen Pläne aus?
Das was ich mache, ist schon mal Einiges, und für die Fondsfrauen setze ich mich natürlich auch weiterhin ein. Dazu gehört auch mein Engagement für „Fit for Finance“.

Was wird da gemacht?
Das ist eine Initiative für mehr Finanzbildung für Frauen im Rahmen einer Arbeitsgruppe der Fondsfrauen Österreich. Für Frauen-Netzwerke sind die Vorträge gratis. Unternehmen, die ihre Frauen in Sachen Finanzen weiterbilden wollen, spenden wenn sie einen Vortrag buchen an eine Organisation die Frauen unterstützt. Dafür dürfen die Unternehmen die Seminare aufnehmen und auf ihrer internen Plattform zur Verfügung stellen. Die RBI hat beispielsweise „Fit for Finance“ in Deutsch und Englisch für die MitarbeiterInnen in Österreich gebucht und wir hatten etwa 150 TeilnehmerInnen in den Workshopreihen. Und man merkt schon: Frauen tun sich viel leichter, Fragen zu stellen, wenn sie unter sich sind – gerade bei Finanz-Themen.

Was ist Dein Part daran?
Jetzt habe ich mehr Zeit für solche ehrenamtlichen Engagements als früher. Ich leite die Arbeitsgruppe, kümmere mich um die Organisation und halte mit einer Kollegin den ersten Workshop aus der Reihe. Außerdem stehe ich parat, wenn jemand kurzfristig ausfällt.

Ist die Finanzbranche eigentlich gut geeignet für Frauen?
Ja, die Finanz-Branche bietet für Frauen viele passende und super-spannende Berufe. Das gilt einerseits in der Beratung. Dort können Frauen oft besser auf ihr Gegenüber eingehen als Männer und genießen auch mehr Glaubwürdigkeit bei den Kunden. Aber auch die anderen Berufe sind sehr frauen-geeignet – von der Analystin bis zu Strukturiererin. Der Finanz-Bereich ist attraktiv für Frauen und ich fände es schade, wenn sich Frauen für diesen Sektor nicht interessierten. Die Jobs hier sind anspruchsvoll, interessant und gut bezahlt. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Frauen diese Berufe sehr gut ausfüllen. Wirtschaften konnten Frauen schon immer, Frauen sind auch gute Mathematikerinnen – alles andere redet man uns nur ein.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Veronika!

Foto: Interfoto

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