Was macht ein studierter Betriebswirt, der viele Jahre als Manager und Unternehmer tätig war, wenn er sich plötzlich intensiv mit toxischer Männlichkeit beschäftigt? Boris von Heesen hat genau diesen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Nach Stationen in der Wirtschaft und im Digitalbereich wandte er sich einem gesellschaftlichen Thema zu, das lange unter dem Radar lief: Den Auswirkungen traditioneller Männlichkeitsbilder. In seinem Buch „Was Männer kosten“ rechnet er vor, welche enormen finanziellen und sozialen Schäden durch männlich geprägtes Verhalten entstehen – von Gewalt über Sucht bis hin zu riskanten Entscheidungen im Berufsleben. Dabei spart er nicht mit klaren Worten, aber auch nicht mit konstruktiven Vorschlägen. Von Heesen hat beim Fondsfrauengipfel 2025 vorgetragen, und im Interview mit den Fondsfrauen sprechen wir jetzt darüber, wie sich Männer und Frauen im Wirtschaftsleben unterscheiden – und was wir alle gewinnen könnten, wenn wir alte Rollenbilder hinterfragen.

Herr von Heesen, wenn Männer Ihren Buchtitel „was Männer kosten“ lesen, fühlen sie sich dann angegriffen?
Ich bin selbst als Mann in dieser Gesellschaft sozialisiert, und es ist keineswegs so, dass ich all die ungesunden männlichen Stereotype überwunden hätte. Also: Ich bin selbst ein Mann und arbeite viel mit Männern. Womöglich bin ich manchmal zu laut, zu aggressiv mit meinen Aussagen. Auf der anderen Seite müssen wir das Problem benennen. Mir tut es weh, wenn Männer es oft nicht schaffen, das Buch mal rumzudrehen und den Text auf dem Rückseiten-Cover zu lesen. Dort steht „Das Patriarchat belastet alle – auch die Männer“. So ist es, auch Männer leiden unter den ungesunden Stereotypen.

Was ist die Idee hinter Ihrem Buch „was Männer kosten“?
Männer werden bei uns anders sozialisiert als Frauen. Das hat verschiedene Konsequenzen, und die spreche ich an. Beispielsweise in den Bereichen Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt, Wirtschaftskriminalität, Diebstahl, ungesunde Ernährung, Fußball-Hooligans, Gefängnis-Aufenthalte und so weiter. Ich will mit meinem Buch nicht etwa Männer schlechtmachen, sondern auf Schieflagen hinweisen, die durch das Patriarchat entstehen. Letztlich leiden darunter alle: Männer, Frauen und Kinder. In meinem Buch wende ich einen Trick an, nämlich dass ich die Konsequenzen dieser Schieflage in Geld bewerte. Sobald Sie ein Preisschild an solche sozialen Felder hängen, erhöhen Sie die Aufmerksamkeit.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie am Ende? Was kosten denn Männer?
Ich habe mir diejenigen sozialen Bereiche angeschaut, für die es öffentlich verfügbare Daten gibt, anhand derer sich die Schieflage der Geschlechter mit Kosten belegen lässt. Ich brauche immer einen verlässlichen Kostenparameter, so dass ich selbst gar keine Kosten schätzen muss. So ermittelt beispielsweise die Bundesanstalt für Straßenwesen die gesellschaftlichen Kosten für Verkehrsunfälle. (12 Mrd. Euro) und wie sich diese auf Frauen und Männer verteilen. Auf dieser Basis habe ich geschaut: Wer sind die Haupt-Verursachenden? Übrigens: Die besonders schlimmen Unfälle werden überwiegend von Männern verursacht.

So bin ich Bereich für Bereich durchgegangen. Beispielsweise sind 94% der Gefängnisinsassen Männer und 6% Frauen. Die durchschnittlichen Kosten für einen Haft-Tag liegen in Deutschland bei 130 Euro. So konnte ich die Mehrkosten, die durch Männer in Gefängnissen entstehen, bewerten. Sie betragen 3 Mrd. Euro pro Jahr.

Gibt es denn zu allen relevanten Bereichen öffentlich verfügbare Daten?
Leider nein! Für viele Bereiche, die ich spannend gefunden hätte, gibt es keine öffentlichen Daten. Nehmen wir z.B. die Steuerhinterziehung – auch die belastet unsere Gesellschaft enorm, aber dafür gibt es keine öffentlichen Daten. Auch die großen Wirtschafts-Straftaten werden überwiegend von Männern begangen: Denken Sie an Bernard Cornfeld, Bernard Madoff, den Cum-Ex oder den Diesel-Skandal oder die Wirecard-Pleite!

Im Ernst, verursachen Frauen in allen Bereichen weniger soziale Kosten als Männer?
Ein paar Ausnahmen gibt es: Bei Medikamenten-Abhängigkeit liegen Frauen vorne. Sie stehen für ¾ der Medikamenten-Abhängigkeiten in Deutschland. Bei den illegalen Drogen wiederum liegen mit 80% die Männer vorne. So machen Männer 75% der Alkohol-Abhängigen und 65% des Zigaretten-Konsums aus. Bei den extrem starken Rauchern ist das Verhältnis sogar 80% Männer/20% Frauen. Wenn man das alles zusammennimmt, kostet das Korsett der klassischen Männlichkeit 63,5 Milliarden Euro pro Jahr – und das nur in Deutschland.

Woran liegt es, dass sich Männer und Frauen so unterschiedlich verhalten?
Wir alle sind geprägt von unserer Gesellschaft, und da gibt es für Männer viele ungesunde Stereotype: Sei laut, sei pfiffig, setz Dich durch! Wir Männer leiden ebenfalls darunter, denn solche Stereotype engen uns enorm ein. So fällt uns sehr schwer, über unsere Gefühle zu reden. Wo ist meine Not, meine Angst, meine Scham? Über solche Dinge können Frauen auf Grund ihrer Sozialisation viel besser reden und das auch leben! Ich kenne nicht viele Männer, die echte Freunde haben, zu denen sie gehen können, um die wirklichen Probleme zu bereden, die sie bedrücken.

Sie selbst auch?
Ich arbeite hart daran, meine Männer-Freundschaften zu pflegen! Dabei fällt mir immer wieder auf, dass ich mich viel öfter bei meinen Freunden melden sollte!

Sie sind Betriebswirt, waren viele Jahre Unternehmer und arbeiten heute als Autor und Berater. Wie kam es dazu, dass Sie sich mit toxischer Männlichkeit und den gesellschaftlichen Kosten von Männerverhalten beschäftigen?
Ich habe mich immer schon für das Männlichkeits-Thema interessiert. Das ist u.a. durch verschiedene Angebote in Mainz entstanden. Dort gab es z.B. einen Männertag, bei dem sich Männer in einem geschützten Raum austauschen konnten. Die Erfahrung, die ich dort gemacht habe, fand ich ganz phantastisch.

Sie haben dann im sozialen Bereich gearbeitet und dort vieles gesehen…
Ja, vor 25 Jahren, da war ich Geschäftsführer der Drogenhilfe in Frankfurt a.M. Die betreiben Konsumräume, in denen ich auch mitgearbeitet habe. Ich war baff, dass der Männeranteil der Konsumenten bei über 90% lag. Daraufhin habe ich mir auch die Alkohol- und Tabak-Statistiken angesehen, ebenso wie die Statistiken für Gewalt- und Verkehrs-Delikte.

Was war dann Ihre Motivation, das Buch zu schreiben?
Meine Motivation war Empörung darüber, dass die Statistiken so schief liegen. Die Richtung hatte ich geahnt, aber dass 92% der entzogenen Führerscheine Männer betreffen, hat mich dann doch überrascht. Diese Empörung hat Energie in mir erzeugt. Das Thema wurde dann auch von der Presse aufgegriffen.

Sind denn Männer mit ihrer Situation im Patriarchat zufrieden?
In Partnerschaften sind Männer mit der Situation meistens zufrieden. Dort wird akzeptiert, dass sie nicht über ihre Probleme reden. Wer sich letzten Endes häufiger trennt, das sind die Frauen. Die sehen: Hier stimmt etwas nicht.

Sie sagen, dass Männlichkeitsnormen enorme gesellschaftliche Kosten verursachen – etwa durch Gewalt, Sucht, Krankheit. Gibt es aus auch innerhalb von Unternehmen ökonomische Schäden durch Männer-Verhalten?
Hier fällt mir eigentlich nur der Bereich Wirtschaftskriminalität ein. Dass die großen Wirtschaftsstraftaten von Männern verübt wurden, darüber haben wir schon gesprochen. Die Kosten, die Männer durch Wirtschaftskriminalität insgesamt mehr als Frauen verursachen, liegen bei 1,57 Mrd. Euro. Dazu gehören auch kleinere Straftaten, wie z.B. Unterschrifts-Fälschungen.

Was wünschen Sie sich für Unternehmen?
Meine persönliche Überzeugung ist: Wenn Männer und Frauen paritätisch in Unternehmen zusammenarbeiten, werden bessere unternehmerische Ziele erzielt. Ein Grund ist, dass Frauen selbstbewusster werden, wenn sie nicht nur eine Minderheit darstellen, sondern wenn mehr oder minder Parität herrscht. Auch in der Politik würden vermutlich weniger gesellschaftliche Kosten verursacht, wenn wir Parität hätten. Es würde sehr zu einer gesunderen Entwicklung beitragen, wenn es gute Perspektive für Väter und Mütter gäbe, eine Management-Position einzunehmen. Unternehmen in Dänemark sagen: Bei uns arbeitet kein Geschäftsführer mehr als 75%, denn unsere Mitarbeiter sollen auch noch ein Leben ihrer Rolle als Geschäftsführer haben.

Sie sind selbst Geschäftsführer in einem Unternehmen. Wie steht es dort um die Parität?
Im Unternehmen „Flexible Jugendhilfe“ arbeiten 160 Menschen. Wir ziehen das durch, dass wir nicht Vollzeit arbeiten, denn wir sind überzeugt: Familie und Privatleben müssen einen Einfluss haben. Ich selbst habe eine 30-Stunden-Stelle. Klar gibt es Situation, wo ich auch mal am Wochenende angerufen werde. In der Geschäftsführung sind wir aktuell zwei Männer und eine junge Frau. Diese wird mich ersetzen, sobald sie das möchte.

Studien zeigen, dass Männer sich häufiger auf Führungspositionen bewerben – auch wenn sie nicht alle Anforderungen erfüllen. Frauen sind dagegen oft zurückhaltender, auch in Gehalts-Verhandlungen. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
Da gibt es immer dieselbe Erklärung. Wir Männer sind geübter darin, uns in Konkurrenz zu verorten. Das beginnt schon im Sandkasten. Wir eignen uns im Laufe des Lebens gewisse Codes und Verhaltensweisen an, ohne dass wir das böse meinen. Frauen fangen jetzt erst damit an; sie müssen sich noch orientieren. Wir Männer haben einfach 150 Jahre Vorsprung.

Wobei ich hier eins ergänzen möchte: Ich weiß nicht, ob ich als Vorstand immer nur Geld verhandeln muss. Ist denn nur das Gehalt wichtig? Oder auch die Arbeitszeit, die Flexibilität, dass das Umfeld angenehm ist? Hier können Männer einiges von Frauen lernen!

Macht wird in vielen Unternehmen immer noch mit Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit assoziiert – Eigenschaften, die klassisch als „männlich“ gelten. Welche Folgen hat das für weibliche Führungskräfte und weibliche Karrierewege?
Wir müssen überlegen, wie wir eine Unternehmenskultur schaffen können, in der auch „weiblich“ konnotierte Verhaltensweisen wie Kooperation, Empathie und Vorsicht als Führungsqualitäten geschätzt werden.

Was müsste sich strukturell ändern, damit Männer sich im Arbeitsleben von überholten Rollenbildern lösen – und sich beispielsweise häufiger in Care- oder Teilzeitmodelle trauen?
Wir müssen verschiedene Ebenen ansprechen. So sollten wir auch Männer fördern, beispielsweise indem wir Rahmenbedingungen schaffen, mit denen sie ein Leben mit mehr Familien- und Care-Arbeit überhaupt leben können. Nur so kann es selbstverständlicher werden für Männer, dass sie mehr Care-Arbeit übernehmen. Oder dass es einfacher wird für Männer, Väterzeit zu nehmen. Dazu gibt es aus Spanien gute Studien. Dort ist es so, dass beide 6 Wochen Elternzeit bekommen.

Auch das Ehegattensplitting sollte abgeschafft werden, dessen Konzept ist völlig überholt. Es stellt eine Blockade für Frauen dar. Sie gehen dann oft in veraltetes Rollenverhalten zurück.

Welchen Appell haben Sie an die Gesellschaft?
Wir müssen an die Rollen-Stereotype rangehen. Frauen werden – bewusst oder unbewusst – immer noch damit großgezogen, sich zu kümmern, auf ihre Schönheit, auf die Sorge zu achten. Jungs werden von klein an darauf orientiert, eine große Karriere anzustreben. Ich will niemandem etwas wegnehmen. Ein Mann soll Karriere machen können, wenn er das will. Aber unsere Gesellschaft soll es auch in Ordnung finden, wenn ein Mann seine Kinder großwerden sehen möchte.

Männlich konnotierte Eigenschaften können auch etwas Gutes haben: Für die Entwicklung ist Wettbewerb und das Streben nach „Besser, Höher, Weiter“ wichtig. Ohne Wagemut und Tollkühnheit hätte Columbus vermutlich nie Amerika entdeckt und wären viele andere Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht worden. Erst im Januar hat Mark Zuckerberg in einem Joe Rogan-Podcast mehr „maskuline Energie“ am Arbeitsplatz gefordert. Wie sehen Sie das?
Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff der „maskulinen Energie“. Natürlich brauchen wir Entdeckergeist, Energie und Kreativität, um Innovationen zu fördern und vorwärts zu kommen, aber warum sollen nur Männer diese Eigenschaften haben? Entdeckergeist und Wagemut sind doch generell menschliche Eigenschaften. Würden Frauen genauso sozialisiert wie Männer, dann wird der Anteil der Erfinderinnen enorm ansteigen – da bin ich mir sicher!

Was kann die Gesellschaft, was können Eltern tun, um die Kraft und das Streben von Männern in konstruktive Bereiche zu lenken?
Eltern haben zwar Einfluss, aber der ist nicht so groß wie viele denken. Der Einfluss der Umwelt ist enorm. So gibt es immer noch die Rosa-Hellblau-Falle: Autos sind typisch männlich, Puppen typisch weiblich. Wir brauchen die Eltern als Vorbilder, starke männliche und starke weibliche Vorbilder. Wir brauchen Männer, die sich zu gleichen Teilen im Haushalt engagieren, ohne das zu hinterfragen. Wir brauchen Mütter, die Karriere machen und ihren Kindern vermitteln: „Ich liebe Euch. Aber ich will auch Karriere machen“.

Was ist stärker: Biologie oder die gesellschaftliche Prägung?
Ich weiß es nicht, denn es gibt Studien, die das eine belegen, und andere, die das andere belegen. Fakt ist: An die gesellschaftliche Prägung kann ich rangehen, an die Biologie nicht. Wenn am Ende die Biologie übrigbleibt, dann ist das halt so.

Sind die Männer mit dem größeren Sportwagen die Glücklicheren?
Ach was! Solche Bilder werden uns lediglich von der Auto-Industrie eingeimpft. Wer sollte denn wirklich ein glücklicher und attraktiver Mann sein? Einer, der sich um seine Kinder kümmert. Der das Bestehen des Planeten im Auge hat. Solche Männer sind doch attraktiv!

Was können Frauen tun, um männlich geprägte Machtmuster im Berufsleben zu verändern, ohne sich selbst verbiegen zu müssen?
Das ist enorm schwierig, denn sie sind ja selbst nur ein Teil des Systems, und das Wirtschaftssystem ist um sie herum. Für eine Frau, die in eine männlich geprägt Führungsstruktur hineinkommt, ist es schwer, sich nicht in die männliche Welt hineinziehen zu lassen und immer selbstbewusst die weibliche Perspektive zu vertreten. Sie wird es schwerhaben, Sexismen jedes Mal sachlich zu konterkarieren. Umgekehrt genauso: Wenn ich als Mann mit anderen Männern im Fußballstadion zusammen bin und einer macht einen homophoben Spruch über den Schiedsrichter, dann ist es schwierig dagegenzuhalten.

Wir können im Kleinen anfangen, z.B. indem Frauen auch mal einem Mann die Tür aufhalten, wir von Ärztinnen und der Vorstandsvorsitzenden reden, und so weiter.

Zum Abschluss: Wenn Sie Frauen aus der Finanzbranche – also klugen, engagierten, ehrgeizigen Frauen – eine persönliche Empfehlung geben könnten, wie sie mit tradierten Männerbildern im Job umgehen sollten: Was würden Sie ihnen mit auf den Weg geben?
Ich war dieses Jahr auf den Fondsfrauen-Gipfel eingeladen. Was mich dort beeindruckt hat, war die Schwesternschaft, wie die Frauen Seite an Seite standen. Das wäre auch mein Rat, aber den habe ich ja bei Euch gelernt: Dass sich Frauen mit anderen Frauen verbünden, Alliierte werden, damit sie sich gegenseitig stärken und im Arbeitsumfeld einen fruchtbaren Boden bereiten.

Sich gegenseitig stärken – das tun Männer ja schon lange…
Da bin ich mir nicht sicher, denn das Verhalten der Männer untereinander wird oft romantisiert. In Wirklichkeit gibt es da oft harte Kämpfe und Intrigenspiele. Da wird gestört und gestachelt. Wenn Frauen das so machen, dann macht man sofort eine große Geschichte daraus.

Vielen Dank für diese tollen Insights, und weiterhin viel Erfolg dabei, für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen!

Profilbild von Anke Dembowski

Anke Dembowski

Anke Dembowski ist Finanzjournalistin und Autorin verschiedener Investmentfonds- und anderer Finanzbücher. Sie ist außerdem Mit-Gründerin des Netzwerks „Fondsfrauen".

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