Ausgerechnet gut gemeinte Frauen-Netzwerke können Ungleichheit verstärken. Eine Studie der EBS-Universität befasst sich mit Frauen-Netzwerken und zeigt, dass gut gemeinte Netzwerke nicht injedem Fall zielführend sind. Die sozialpsychologische Forschung differenziert zwischen „hostilem“ und „benevolenten“ Sexismus. Statt strukturelle Ungleichheiten zu hinterfragen, ist es möglich, dass Frauen in für sie geschaffenen Netzwerken unbeabsichtigt in die Rolle derjenigen geraten, die sich an bestehende Macht- und Karrierelogiken anpassen sollen.
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Das Wichtigste in Kürze
- In den vergangenen Jahren haben immer mehr Unternehmen – oft neben der Förderung der Fondsfrauen – firmeneigene Frauen-Netzwerke ins Leben gerufen, was begrüßenswert ist.
- Eine neue Studie von Prof. Dr. Karin Kreutzer (EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Deutschland) und weiteren Autorinnen befasst sich mit Frauen-Netzwerken.
- Die Studienautorinnen kommen zum Ergebnis: Ob Frauen-Netzwerke tatsächlich Empowerment fördern oder eher unbeabsichtigt bestehende Ungleichheiten verfestigen, hängt entscheidend von ihrer Gestaltung ab.
- Initiativen können schnell kontraproduktiv wirken, wenn sie vor allem darauf abzielen, Frauen an bestehende – häufig männlich geprägte – Praktiken anzupassen.
- Besser ist es, wenn Frauen-Netzwerke auf konkrete Ergebnisse ausgerichtet sind, zukunftsorientiert arbeiten und Hierarchien abbauen, sodass Frauen die Formate eigenständig prägen können.
10 Jahre nach ihrer Gründung sind die Fondsfrauen das führende deutschsprachige Karrierenetzwerk zur Förderung und Gleichstellung von Frauen in der Finanzindustrie. In dieser Zeit haben auch immer mehr Branchen-Unternehmen – oft neben der Förderung der Fondsfrauen – firmeneigene Frauen-Netzwerke ins Leben gerufen.
Die Fondsfrauen begrüßen dies, denn hier wird sich mit Gender Diversity befasst und Frauen erhalten einen zusätzlichen Raum, um sich auszutauschen und gegenseitig zu fördern. Unternehmensseitig werden firmeneigene Frauen-Netzwerke als zentrale Maßnahme gesehen, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen.
Studie befasst sich mit Frauen-Netzwerken in Unternehmen
Eine neue Studie von Prof. Dr. Karin Kreutzer (EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Deutschland), Patricia Hein (Ivey Business School, Kanada) und Maikki Diehl (Aalto University, Finnland) befasst sich mit diesen Frauen-Netzwerken. Die Studienautorinnen kommen zum Ergebnis: Ob solche Formate tatsächlich Empowerment fördern oder eher unbeabsichtigt bestehende Ungleichheiten verfestigen, hängt entscheidend von ihrer Gestaltung ab.
Die sozialpsychologische Forschung differenziert nämlich zwischen „hostilem“ und „benevolenten“ Sexismus. Beim hostilen Sexismus geht es um offene Antipathie gegenüber Frauen und die Bevorzugung von Männern. Sie wird von Frauen und deren Netzwerken klar als sexistisch und machohaftes Verhalten abgelehnt. Beim „benevolenten Sexismus“ geht es um gutgemeinte Maßnahmen und Ideologien, die letzten Endes aber die Aufrechterhaltung konventioneller Geschlechterrollen und damit verbundene Geschlechterunterschiede fördern – meistens ohne, dass dies beabsichtigt ist. Beispiele für „benevolenten“ Sexismus sind vermeintliche Wohltaten wie die kostenlos Mitversicherung für Ehegatten oder das Ehegattensplitting. Beides ist der eigenständigen Karriereentwicklung von Frauen nicht dienlich.
Zurück zur Studie: Sie basiert auf einer dreijährigen qualitativen Untersuchung und wurde kürzlich im Journal of Management veröffentlicht. Die Autorinnen beobachteten 40 Frauen-Netzwerktreffen in Deutschland und Großbritannien, führten 75 Interviews mit Teilnehmerinnen und Organisatorinnen und werteten umfangreiche Sekundärdaten aus.
Netzwerke können drei unterschiedliche Bedeutungen haben
Die Studien-Autorinnen stellen fest, dass Frauen mit frauenspezifischen Netzwerken drei unterschiedliche Bedeutungen verbinden:
- Statusgetrieben
- Instrumentell
- Expressiv
Welche dieser Bedeutungen dominiert, wird maßgeblich durch organisationale Rahmenbedingungen für das jeweilige Netzwerk und innerhalb des Unternehmens geprägt.
„Viele Unternehmen wollen mit Frauen-Netzwerken Gleichstellung fördern. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass diese Initiativen schnell kontraproduktiv wirken können, wenn sie vor allem darauf abzielen, Frauen an bestehende – häufig männlich geprägte – Praktiken anzupassen“, erklärt Karin Kreutzer.
Das Paradox gut gemeinter Gleichstellung
Besonders kritisch bewerten die Autorinnen ein paradoxes Muster: Obwohl Unternehmen Gleichstellung betonen, reproduzieren sie durch bestimmte Netzwerkformate subtile Formen von Diskriminierung. Dies ist der oben erwähnte „benevolent sexism“ – eine scheinbar wohlwollende Haltung, die Frauen als schutzbedürftige Empfängerinnen von Unterstützung adressiert und kollektives Handeln eher bremst als stärkt. Statt strukturelle Ungleichheiten zu hinterfragen, geraten Frauen so in die Rolle derjenigen, die sich an bestehende Macht- und Karrierelogiken anpassen sollen.
So können Frauen-Netzwerke ihr gewolltes Potenzial entfalten
Die Studie zeigt zugleich, unter welchen Bedingungen Frauen-Netzwerke ihr eigentlich gewolltes Potenzial entfalten können. Erfolgreich sind sie insbesondere dann, wenn…
- sie auf konkrete Ergebnisse ausgerichtet sind statt auf symbolische Sichtbarkeit,
- sie zukunftsorientiert arbeiten und nicht vermeintliche Defizite adressieren,
- sie Hierarchien abbauen, sodass Frauen die Formate eigenständig prägen können.
„Netzwerke sind kein Reparaturinstrument für individuelle Defizite, sondern können Vehikel für strukturellen Wandel sein – wenn Unternehmen bereit sind, Kontrolle abzugeben und eine unterstützende Rolle im Hintergrund einzunehmen“, so Kreutzer.
Tatsächlich können Frauen-Netzwerktreffen wertvolle Instrumente für Empowerment und beruflichen Aufstieg sein. Voraussetzung ist jedoch, dass sie nicht als gut gemeinte „Hilfe“ verstanden werden, sondern als Raum, um diskriminierende Strukturen sichtbar zu machen und letzten Endes auch zu verändern.
Die Fondsfrauen stehen dafür, diesen Raum inklusive der entsprechenden Information zur Verfügung zu stellen. Die Fondsfrauen…
- sammeln gender-spezifische Informationen aus der Branche und stellen sie in Studien zusammen.
- machen Frauen aus der Branche sichtbar: Bei zahlreichen eigenen Veranstaltungen, in Interviews und digitalen Formaten, und auch bei externen Konferenzen bzw. Podiumsdiskussionen.
- bieten auf ihren Veranstaltungen einen Raum, in dem sich Frauen austauschen und gegenseitig stärken und fördern können.
Wir alle müssen darauf achten, dass gut gemeint am Ende nicht schlecht gemacht ist. Lasst uns immer auch das eigene Verhalten kritisch hinterfragen!
Hier geht es zur Studie: Magic Will Happen if You Gather Us in One Room: Gender Homophily and Women-Only Networking (2025)
Foto: Canva (2026)


