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Lilith – eine Plauderei auf der Couch

Coverbild
Tomas Sedlacek, Oliver Tanzer: „Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch“; Carl Hanser Verlag, München, 2015.
350 Seiten,
26,00 € (D),
e-Book: 19,99 € (D).

Ein Buch mit der Titelheldin so vieler Frauenbewegungen – das muss geradezu hier besprochen werden. Nicht Eva, sondern Lilith ist nach einigen mythologischen Überlieferungen die erste Frau. Nicht aus Adams Rippe, sondern eigenständig. Vor allem wollte sie nicht unten liegen.

Große Erwartungen also an die erste Frau der Menschheit und das zweite Buch von Tomas Sedlacek, nach seinem Bestseller „Die Ökonomie von Gut und Böse“. Ein zweiter Autor, der Untertitel („Die Ökonomie auf Freuds Couch“) und die Einleitung bestärken diese Erwartungshaltung, denn dort heißt es:

„Die Legende von Lilith ist die titelgebende Geschichte dieses Buches, weil sie ein Sinnbild für das Drama des modernen Kapitalismus darstellt“. Und weiter: „Wenn wir ihr Gleichnis auf die wirtschaftliche Ebene heben, dann repräsentiert sie Beginn und Ende, Alpha und Omega einer zerstörerischen Ökonomie. Die Freiheit als idealer Brutplatz der Marktwirtschaft, die sich schließlich in einem perversen Kreislauf von Konsum und Wachstum wiederfindet. Lilith ist der Archetyp einer Konsummaschine, die gleichzeitig gebären und zerstören muss.“

Wir sehen – und dieses „Wir sehen“ ist ein häufig wiederholter Satz des Buches – wir sehen also, dass es nicht um die Dämonen des Kapitals, sondern die des Kapitalismus geht. Genau genommen geht es darum aber auch nicht, sondern um allerlei „ökonomische Dämonen“. A propos Dämonen: Mehr als Ökonomen bevölkern Götter, Sagengestalten, Dichter und Psychologen das Buch. Psychologen haben natürlich gemäß Untertitel Zutritt, da haben aber eigentlich nur Freud und ein bischen Jung ihren Platz gefunden. Andererseits: eine durchgängige „Freudsche Analyse“ der Ökonomie ist’s auch nicht.

Was ist es dann? Die angekündigte Psychoanalyse der „rationalen Ökonomie“ wird mit Beispielen von Figuren von Homer, Shakespeare, Goethe und dem halben Olymp angeboten. Bibelstellen, Liedertexte, Gedichte und Mythen werden stets präzise und mit genauer Quellenangabe zitiert. Aber all das „Dämonische“ des Kapitals, des Kapitalismus und der Ökonomie wird kursorisch und mit knackigen Worten, polemisch oder provokativ eingeführt – mehr als eingeführt dann aber auch wieder nicht. Polykrates ist eine Ausnahme, der wird gründlich vorgestellt – der war aber kein Ökonom.

Außerdem wird die „andere Phase“ der Depression, die Manie, beleuchtet. Die wird – wieder, muss man sagen – gut begründet und ausgearbeitet. Das Korollar für die Makroökonomie, dass Manien mindestens ebenso „gefährlich“ für die Wirtschaft sind wie die Depressionen, das wissen wir schon, seit der „Ökonomie von Gut und Böse“. Das findet man – Mann und Frau – dort besser.

Insgesamt liest sich das Buch ein bischen als wäre man im Religionsunterricht. Viele Geschichtchen, Strophen und Bildchen, mal unterhaltsam, aber meistens nur mit der Attitüde des kapitalismuskritischen Bohemiens vorgetragen. Es ist ja wirklich interessant, von den psychologischen Kategorien wie Angst, Neid, Gier und Panik in der Wirtschaft zu lesen – aber was sagen sie uns?

Wir sehen: Anstelle von wirklich historischer oder psychologischer Analyse bekommt der Leser genau wie die Leserin eine Plauderei auf der Couch. Unterhaltsam? Ja! Lehrreich? In Bezug auf Götter und Dämonen und griechische Mythologie: ja! Aber in Bezug auf das „Alpha und Omega einer zerstörerischen Ökonomie“: Da hatten wir nach der „Ökonomie von Gut und Böse“ – und hätten wir in einer psychoanalytischen Sitzung – größere Erwartungen.


Dr Roll_rechtsÜber den Autor dieser Rezension:

Dr. Oliver Roll
ist Founding Partner/CEO des Asset Management-Beratungs- und Vertriebsunternehmens 4AlphaDrivers. Er verfügt über viele Jahre Erfahrung im Bereich institutioneller Kapitalanlage sowie im Vertrieb und Marketing von Fonds- und Finanzprodukten.