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Buchbesprechung: Ein Schneeball-System in den 1860er Jahren

Buchbesprechung: Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten. 


Verlag: FinanzBuch Verlag
Autor: Julian Nebel
Erschienen im November 2017
ISBN: 978-3-95972-048-9
Hardcover, 200 Seiten
Preis: D: 17,99 €, A: 18,50 €

 
Eine gut recherchierte historische Geschichte über eins der ersten Schneeball-Systeme, das in München in den 1860er Jahren tatsächlich stattfand, unter dem Namen „Dachauer Bank“. Erst viel später – in den 1920er Jahren – begann Charles Ponzi sein Schneeballsystem in den USA und erlangte damit traurige Berühmtheit.

In dem Buch, das eher wie eine sachliche Recherche denn als Roman wirkt, geht es um die charismatische Adele Spitzeder, eine ehemalige Schauspielerin. Sie bringt alles mit, was man für einen gelungenen Finanz-Betrug benötigt: Gute Erziehung, Volksnähe, Sprachgewandtheit, und als Frau wirkte sie sicherlich auch empathisch und glaubwürdig.

Hohe Zins-Versprechen, viel Geschäft
Das Buch beschreibt, wie Adele Spitzeder aus einer klammen finanziellen Situation heraus, fast zufällig, auf die Idee mit der Kreditaufnahme und -vergabe im Schneeball-System kam. 10% Zinsen verspricht sie ihren Kunden – pro Monat! Und sie kann anfangs auch immer auszahlen, da sie mit neuem Geld förmlich überhäuft wird. „Es mehrten sich die freiwilligen Gelddarleiher nach und nach ins Unendliche, so daß ich es in der Folge mit einer wahren Kreditlawine zu tun bekam, welche mich förmlich betäube, jedoch sich weder dämmen noch sonstwie aufhalten ließ“, zitiert Nebel aus Spitzeders Tagebuch. Auch schon zu Zeiten König Ludwigs II machten es Gier und Leichtgläubigkeit also leicht, ein korruptes Geschäft hochzuschaukeln.

Auch ein Belohnungssystem führte Spitzeder ein: Wer neue Kunden brachte, konnte sich 5 % der Anlagesumme hinzuverdienen. So wie heute die Banken die Menschen mit Konsumentenkrediten verführen, so versorgte Adele Spitzeder damals schon Kavaliere, Offiziere und sonstige Lebemänner mit Darlehen, damit sie mehr ausgeben konnten als sie augenblicklich verdienten. Zinssätze von 15 – 20 % monatlich konnte sie einnehmen, und damit ihr Schneeballsystem am Laufen halten. In Spitzenzeiten unterschrieb sie bis zu 1.000 Wechsel täglich– ein florierendes Business, und das ganz ohne kaufmännische Fachausbildung!

Das Ganze ging so weit, dass ihr Kreditgeschäft zum Politikum wird, weil sie den örtlichen Sparkassen zu viel Konkurrenz machte. Fast kamen diese in Kalamitäten, um die massenhaft gekündigten Sparkassen-Einlagen zurückzahlen zu können.

Gute Taten und Verflechtungen mit der Presse sichern das Geschäftsmodell
Spezielle Deals und Verflechtungen mit der Presse, damit diese nicht negativ über sie berichtete, und Sonderkonditionen für Polizisten, damit diese mal ein Auge zudrückten, gehörten ebenfalls zu Adele Spitzeders Geschäftsmodell. Vertrauenerweckend wirkte auch, dass sich die biedere Frau in schwarzer Kleidung, um die 40 Jahre alt, als christliche Wohltäterin Münchens gab, speziell für die kleinen Leute. Sie gründete eine Suppenküche und spendete für allerlei wohltätige Zwecke, nicht ohne dies ordentlich publik zu machen. Und ihre Wechselsteuer zahlte sie auch immer brav.

Am Ende kam es aber, wie es kommen musste: Jedes Schneeballsystem hat einmal ein Ende, das dann meist abrupt ist. Im Herbst 1872 gab es vermehrt Warnungen, ein erstes Auszahlungsbegehren konnte Spitzeder nicht erfüllen, und dann begann der Run auf die Einlagen. Viele Kunden wollten so schnell wie möglich ihr Geld zurück, und so viele Auszahlungs-Begehren konnte Spitzeder nicht erfüllen, zumal angesichts des Tumults auch der Strom frischer Gelder versiegte. Spitzeder sieht ihre Situation sehr klar: „Ich war besiegt! Millionen waren durch meine Hände gegangen, Berge von Gold waren zu meiner Verfügung gestanden, die Wogen der Volksgunst hatten mich getragen, und nun war ich eine Gefangene!“

Resultat: Über 33.000 Menschen verloren ihr Geld, als die „Sptzeder’sche Privatbank“ in der edlen Münchner Schönfeldstraße unweit des Englischen Gartens im November 1872 zusammenbrach. Geschädigte waren überwiegend die Armen, Arbeiter, Handwerker, Dienstleute, aber auch eine Handvoll Gemeinden. Nur 15 % bekamen sie im Schnitt aus der Konkursmasse ausbezahlt, was im Vergleich zu heutigen Insolvenzfällen noch eine traumhafte Quote ist.

Adele Spitzeder wurde, 41-jährig, zu drei Jahren Haft verurteilt, hatte aber eine Art „Komfortzimmer“ in der Haftanstalt.

Fazit
Diese historische Erzählung zeigt sehr gut, wie Menschen funktionieren, dass Gier und Verführung oft stärker sind als die Zweifel – insbesondere wenn der Betrüger mit beindruckender Selbstsicherheit und Überzeugung daher kommt. Auch wenn wir heute vielleicht über die enge Regulierung murren, die uns hier und dort das Leben umständlich macht, vor dem Hintergrund der betrügerischen Bankgeschäfte, die Adele Spitzeder völlig ohne Fachausbildung und Eigenkapital betreiben konnte, scheint jede Banken-Regulierung nur allzu gerechtfertigt. Auch wenn sich das Buch streckenweise etwas trocken liest, hat es Julian Nebel, der übrigens Pressesprecher beim FinanzBuch Verlag ist, inhaltlich akribisch genau recherchiert, und das Thema ist höchst relevant für alle Finanzberater. Sollte jeder in der Finanzbranche gelesen haben!

 


Anke DembowskiÜber die Autorin dieser Rezension:

Anke Dembowski
ist geschäftsführende Gesellschafterin und Gründungsmitglied der Fondsfrauen. Außerdem arbeitet sie als Finanzjournalistin, u.a.  für Fonds Professionell und Institutional Money.

(Foto: Daniela Prusina)