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Interview: „Wichtig ist, dass man an dem, was man tut, eine echte Leidenschaft entwickelt“

Herzchirurgin Dr. Dilek Gürsoy hat sich durch ihre Expertise in der Kunstherztherapie eine Reputation aufgebaut, wobei die Herzchirurgie ein überwiegend männlich dominiertes Feld ist. Gürsoy unterhielt sich auf dem Fondsfrauen-Gipfel am 23. Januar in Mannheim mit Anne Connelly über ihr Leben, ihre Forschungsvorhaben und ihre Karrierewünsche. Wir fanden das Gespräch so inspirierend, dass Fondsfrau Anke Dembowski sie spontan um ein Interview bat. Hier das Resultat!

Frau Dr. Gürsoy, Sie sind in den Medien bekannt geworden durch das Treffen mit Angela Merkel. Wie kam dieses Treffen zustande?
Hermann Gröhe, unser ehemaliger Bundesgesundheitsminister, hat das Treffen organisiert. Als Merkel zu einem Wahlkampfauftritt nach Neuss kam, hat er dafür gesorgt, dass wir uns getroffen haben.

Über was haben Sie mit Frau Merkel gesprochen?
Wir haben über das Thema Mangel an Organspende und über entsprechende Alternativen gesprochen. Beim Herzen ist eben die Alternative das Kunstherz. Ich hatte es damals dabei und habe ihr erklärt, wie man das operiert und vor allem wie es funktioniert. Sie fragte, wo das System hergestellt wird (USA!). Zudem habe ich über mein Forschungsprojekt erzählt (neues Kunstherz, deutsches Produkt und ohne Kabel). Sie hat gefragt, ob ich Neußerin bin, und ich habe ihr gesagt, dass ich in Neuss geboren bin und meine Heimat liebe. Zudem hat sie gefragt, wo ich momentan arbeite – in Bremen. Sie hat mich daraufhin gefragt, ob ich da bleiben möchte. Ich antwortete „Sobald es eine Herzchirurgie in Neuss gibt, komme ich zurück – natürlich nur als Chefin!“

Cool! Und was hat Sie an dem Treffen mit der Bundeskanzlerin besonders beeindruckt?
In live wirkt sie viel souveräner, und ich hatte das erste Mal das Gefühl, dass da jemand versteht worüber ich erzähle; ich meine den pneumatischen Abtrieb des Kunstherzens. Sie stellte diesbezüglich Fragen, die mir zeigten, dass Sie mir sehr aufmerksam zu gehört hat – das war nicht schlecht!

Sie sind ja auch etwas Besonderes. Als Migranten-Kind und als Frau sind Sie Herzchirurgin geworden. Wie kamen Sie auf die Idee, Herzchirurgin werden zu wollen?
Jedem Kind einer Migrantenfamilie wird vorgegaukelt, dass es entweder Arzt oder Anwalt wird. Schließlich soll es etwas erreichen und nicht in der Fabrik arbeiten müssen, wie vielleicht die Eltern. Meine Mutter kommt aus einem bäuerlichen Umfeld und war Analphabetin. Als ich ihr sagte, dass ich Ärzten werden möchte, meinte sie: „Kind es reicht auch, wenn Du Apothekerin wirst.“ Aber das war mir zu blöd. Ich wollte lieber Ärztin werden, und zwar etwas Handwerkliches, also Chirurgin. Dass ich dann Herzchirurgin werden wollte, hat sich dann während meines Studiums ergeben.

Sie sagen, dass allen Migrantenkindern beruflicher Ehrgeiz eingeimpft wird: Haben Ihre Geschwister – ich glaube Sie haben zwei Brüder – ähnliches erreicht wie Sie?
Also meine beiden Brüder haben nicht studiert. Der eine hat eine Chemikanten-Ausbildung gemacht, und der andere arbeitet in einer Bank. Sie wollten nicht studieren. Nachdem mein Vater gestorben war, wollten sie schnell Geld nach Hause bringen, um meine Mutter zu entlasten.

In Ihrem Beruf sind Sie eine ausgesprochene Spezialistin. Wie wird das von Ihren männlichen Kollegen gesehen?
Das wird gerne ignoriert. Meine männlichen Kollegen kommen nicht gut damit klar, dass ich etwas kann, das sie vielleicht weniger gut können. Ich bin eine Frau, noch dazu mit Migrationshintergrund. Außerdem bin ich so wie ich bin, ich bin eben ein sehr sonniges Gemüt, und ich weiß was ich kann. Das sage ich auch jeden Tag. Daran stören sich manche.

Die Krone der Schöpfung im medizinischen Bereich ist doch sicherlich, Chefärztin zu werden. Ist das auch ihr Ziel?
Auf jeden Fall! Ich kann in der Herzchirurgie etwas – besser als so mancher Chefarzt, der die Position bereits innehat. Sicherlich kann ich noch etwas lernen, aber ich bin in dem was ich tue, gut. Klar möchte ich Chefärztin werden!

Wie hoch ist eigentlich die Frauen-Quote unter den Chefärzten?
Sehr niedrig. In der Anästhesie und der Inneren Medizin gibt es einige wenige, aber in der Herzchirurgie kenne ich aktuell keine weibliche Chefärztin.

Warum gibt es keine Herzchirurgin, die Chefärztin ist? Ist das ein Gender-Thema?
Auf jeden Fall! Klar gaukeln die aktuellen Chefs vor, dass sie auch Frauen fördern. Aber in Wirklichkeit tun das die meisten eben doch nicht, insbesondere nicht im Bereich der Herzchirurgie

Hilft es, einen Mentor aus dem eigenen Fachbereich zu haben? Einen, der einen fördert?
Ja, das ist das A und O. Ein Chef muss echte menschliche Größe haben, um zu sagen: Sie kann das und sie soll das machen! Und der das dann auch durchsetzt und einen machen lässt.

Wenn Frauen in einem Bereich gut sind, trauen sie sich oft nicht zu sagen „hey, ich bin gut!“ Was raten Sie jungen Frauen, die ein berufliches Ziel haben?
Das wichtigste ist, sich nichts einreden zu lassen. Wenn man ein Talent hat, von sich überzeugt ist und tatsächlich in dem was man tut, gut ist, dann sollte man das auch deutlich sagen. Wichtig ist, dass man an dem, was man tut, Spaß hat und eine echte Leidenschaft entwickelt. Wenn das alles so ist, dann muss man es einfach machen. Natürlich nicht, wenn einem das körperlich oder seelisch zu schaffen macht. Aber wenn es geht, dann ran! Dann muss man an sich glauben und auf seinem Ziel beharren und darf sich nicht von Leuten mit vermeintlich guten Ratschlägen beirren lassen.

Medizin ist ein Fach mit einem hohen Numerus clausus. Schaffen das in unserem Schulsystem Mädchen besser als Jungs?
Ja, Mädchen lernen in der Schule erst mal besser. Ich muss allerdings sagen, dass ich in der Schule nicht so tolle Noten hatte. Damals zählte der Mediziner-Test auch sehr hoch, und über den habe ich dann meinen Studienplatz bekommen.

Noch eine private Frage: Wie wirkt Ihr Job privat auf Männer – zum Beispiel in der Disco oder so?
Im ersten Moment denken die Männer vielleicht „wow, so eine Frau will ich auch mal haben“. Aber dann kriegen sie doch Angst. Ich glaube, beim nächsten Mal wenn ich jemanden kennenlerne, sage ich erst mal, dass ich Krankenschwester bin! Dann haben die weniger Angst (lacht).

Danke für das offene Interview und dass Sie Frauen so viel Mut machen!